eigenart.li

 

 

Publikationen

Tages-Anzeiger
Kolumnen

 
 
 
 

 

   

   

   

   

 

 
 

 

 

 
 
 

Das leere Päckchen

Trüber Sonntag

Sale zäme!

Walliseller Chatz

Griff ins Leere

Hallo, Oma!

Schöne Vorstellung

Du, Papi

Deutsch (Ex )Kurs

Drei Frauen am Boden 

Ich mag euch 

Fahrt ins Blaue 

Tante Olga kauft ein 

Mit sonnigen Grüssen

Pakete kommen an 

Mittel gegen Selbstmitleid 

Die neue Agenda

Einsame Tierherzen 

Isch da no frei? 

Urin stinkt

Alt oder älter

Gewichtige Probleme

Hosenboden auf Kniehöhe 

Winterzeit, Sommerzeit  

Hopp Schwiiz!

Der Baum bleibt da

Verflixt und zugedreht

Auf nach Sumatra!

Sind Sie sicher?

Trübe Aussichten

Filmreifer Morgen

Tierische Gedanken

Ungebetener Gast

Autbahn-Flirt

Feine Nuancen

Ohne Wenn und Aber

Heute ist Waschtag

Geschenk mit Haken

Schnellimbiss

Kennen wir uns?

Stopp, Polizei!

Ursache und Wirkung

Schöner dank Regen

Ohne Hoffnung?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Das leere Päckchen

 

Sie kennen die Geschichte: der Vater öffnet das Päckchen, welches ihm seine kleine Tochter unter den Christbaum gelegt hat. Die Schachtel ist leer, der Vater wütend: «Da ist ja nichts drin!» – «Es ist etwas drin, es ist voll mit meinen Küssen für Dich!», erklärt ihm das Mädchen, mit Tränen in den Augen. Der Vater ist etwas beschämt und sehr gerührt. Und immer, wenn er jetzt traurig ist, öffnet er die Schachtel und nimmt einen Kuss seiner Tochter heraus.

Nicht, dass Sie jetzt alle leere Päckchen verschenken! Aber lernen können wir von dieser Geschichte schon: Gibt es einen schöneren Liebes oder Freundschaftsbeweis, als einen Teil von sich selber zu schenken? Es müssen ja nicht Küsse sein. Vielleicht einfach ein bisschen Zeit – Zeit für einen Besuch, für einen handgeschriebenen Brief (wie habe ich mich neulich über einen solchen gefreut!). Eine Krawatte oder Pralinés sind zwar husch, husch gekauft – und die Zeit drängt, schliesslich will diese Freundin und jener Bekannte auch noch beschenkt werden. Bis das ganze Geld und die ganze (besinnliche!) Vorweih­nachtszeit aufgebraucht sind.

Aber: Gönnen Sie sich doch selber etwas – Zeit für sich, für andere. Und Sie können sicher sein: Ihre Gabe steht auf keiner Liste für «nutzlose Geschenke».

 

erschienen am 21. Dezember 2006

 

 

 

 

 

 

 

Trüber Sonntag

 

Sonntag. Sitze zu Hause. Lese, höre Radio. Kann mich auf beides nicht richtig konzentrieren. Trüb, neblig, kalt. Irgendwie kommt Langeweile auf. Dieses triste Wetter aber auch immer! Da muss man ja miese Laune bekommen. Und plötzlich wird meine Melancholie durch das Klingeln des Handys unterbrochen: «Was machst Du bei diesem Prachtswetter?», fragt am anderen Ende meine liebe Freundin. «Prachtswetter? Machst Du Witze?» «Nein, sitze hier auf einer wunderbaren Sonnenterrasse, schaue in die Berge und geniesse das Leben. Komm doch auch!»

So schnell hatte ich meine sieben Sachen noch nie zusammen. Nichts wie los! Und es wurde wirklich ein prachtvoller Tag. Die Sonne schien vom stahlblauen Himmel, wärmte uns so schön von aussen auf (auch für eine Erwärmung von innen war ge­sorgt…), und unser Blick schweifte über das herrliche Nebelmeer im Unterland!

Am Montag dann im Büro: «Na, was habt Ihr am gestrigen Sonnentag unternommen?» Keine Reaktion. Die dachten wohl alle, ich hätte mal wieder einer meiner ironisch gemeinten Sprüche gemacht. Also keine und keiner ging raus. «Ha», denke ich, und im Gesicht brennt noch die sonn­tägliche Sonne, «selber schuld, unternehmt doch was! Einfach nur jammern bringt ja nichts.» Wenn sie wenigstens gejammert hätten …!

 

erschienen am 8. Januar 2007


 

 

 

 

 

 

Sale zäme!

 

Ist es nicht nett, wie uns im Moment die Verkaufsläden überall mit einem freundlichen «Sale» begrüssen? Etwas salopp ist es zwar schon, dieses «Sale» – warum nicht einfach «Grüezi? Nun, «Sale» ist auch recht, besser als nichts. Schliesslich sind wir jung (na ja!), dynamisch und allzeit offen für Neues!

Ein einmaliges «Sale» würde mir persönlich allerdings genügen; es wirkt schon beinahe etwas aufdringlich, wenn es uns auch im Ladeninnern und selbst auf Preisschildern immer und immer wieder zugerufen wird. Als gut erzogene Konsumentin sage aber ich stets tapfer: «Sale, salü, hallo, du prall gefülltes Kleidergestell, du liebliches Blüschen, du kuscheliger Pullover».

Eine nette Geste ist übrigens auch, dass gleichzeitig eine ganze Anzahl Artikel zu verbilligten Preisen angeboten werden. Ob diese beiden Aktionen in einem direkten Zusammenhang stehen? Jedenfalls sage ich auch da: «Sale, du preiswertes Angebot!»

Mit dem «Sale« kann ich also sehr gut leben, aber was meinen die Läden mit «Reduziert« oder «Alles muss weg»? Wer ist da reduziert, wer muss da weg? Ich etwa? Das lass ich mir nicht gefallen. Ich bin ja nicht blöd! Dann gehe ich allemal lieber in einen Sale Laden!

Sale zäme!

 

erschienen am 15. Januar 2007


 

 

 

 

 

 

Walliseller Chatz

 

«Aa zelle Bölle schelle, d’Chatz gaht uf Walliselle, chunt si wider hei, hät si chrummi Bei, piff paff puff und du bisch ehr und redlich duss.» Und wenns nicht so aufgeht, wie man das möchte (so haben wir das früher jedenfalls gehandhabt), so kann man unendlich wiederholen: «… und du bisch ehr und redlich duss».

Wir alle kennen diesen Abzählreim. Aber woher kommt er? Warum geht da eine Katze nach Wallisellen? Was will sie dort? Warum kommt sie mit krummen Beinen zurück, was ist dem armen Büsi zugestossen? Und wozu hat man die Zwiebeln geschält? Was wurde aus ihnen? Gab es eine feine Zwiebelsuppe? Wer durfte sie geniessen? Fragen über Fragen!

Warum geht nicht ein Mensch, zum Beispiel der Hans, irgendwohin, vielleicht nach Glattbrugg? Das könnte dann so gehen: «Sigg, sagg, sugg, de Hans gaht uf Glattbrugg, chunt er wider hei, macht sini Frau en suure Stei, sigg, sagg sugg und du bisch ehr und redlich duss.» Sicher, es gäbe noch unzählige weitere Beispiele für solche Reime. Umso mehr frage ich mich: Wie kommt man auf die Zwiebeln, auf die Katze, auf Wallisellen, auf die krummen Beine?

Kennt jemand die Antworten auf all diese Fragen? Aa zelle Bölle schelle… und ich bi ehr und redlich, ehr und redlich, ehr und redlich duss!

 

erschienen am 30. Januar 2007


 

 

 

 

 

 

Griff ins Leere

 

Ohne Kaffee am Morgen läuft bei mir gar nichts. Ein Morgenmuffel bin ich jedoch keinesfalls. Beim Klingeln des Weckers, manchmal schon vorher, jucke ich aus dem Bett, in freudiger Erwartung, was der neue Tag bringen möge. Bald schon aber brauche ich neben körperlicher auch geistige Nahrung: meine Zeitung. Welche Enttäuschung, wenn ich dann in den leeren Zeitungskasten greife. Sicher liegt sie wieder unter Verschluss im Briefkasten. Eine Zeitung gehört doch nicht in den Briefkasten! Vielleicht ein neuer Verträger, der es eben anders macht. Hauptsache Zeitung. Aber auch im Brieffach greife ich ins Leere. Und es ist doch schon fast halb sieben, eine halbe Stunde später als sonst. Erwartungsvoller Blick die Strasse hoch und runter: niemand zu sehen.

Ob wohl der Nachbar …? Schnell ein verstohlener Blick in seinen Kasten: Da liegt tatsächlich eine schöne, dicke Zeitung. Was wohl alles drinsteht? Es juckt mich sehr in den Fingern, aber ich reisse mich dann doch zusammen, lasse ihm schliesslich neidvoll seine Morgenlektüre und schleppe mich wieder die Treppe hoch. Was für ein Elend, was für ein schlechter Start in den Tag. Wenn ich bloss wüsste, wann er aufsteht, dann könnte ich vorher doch ganz vorsichtig … Ohne Zeitung am Morgen läuft bei mir nämlich gar nichts!

 

erschienen am 2. März 2007


 

 

 

 

 

 

Hallo, Oma!

 

Schiebe den störrischen Einkaufswagen durch die engen Gassen im Supermarkt und arbeite meine lange Einkaufsliste ab. Plötzlich höre ich eine Frauenstimme rufen: «Hallo, Oma!» Arme Frau, hat ihre Oma verloren. Weiss gar nicht, wen ich mehr bedauern soll. Die Rufende oder die Gerufene? Um die Oma mach ich mir schliesslich doch mehr Sorgen. Wer weiss, wie alt, wie hilflos sie ist. Vielleicht ist sie längst nicht mehr im Laden, irrt auf der Strasse umher. Da tönt es schon wieder: «Hallo, Oma!» Ich kann mich kaum mehr auf meine Einkäufe konzentrieren. Halte Ausschau nach einer älteren Dame. Aber da springt nur ein Frechspatz von kleinem Mädchen durch die Regalreihen. «Hallo, Oma!», höre ich schon wieder. Die Arme ist also noch immer nicht aufgefunden. Am Ende ist sie eine vermögende Dame, und man hat sie entführt! Sollte man die Polizei rufen? Aber ich muss weiter, kann mich schliesslich nicht um alles kümmern, geht mich ja nichts an.

Habe endlich meine Einkäufe zusammen. Hinter mir in der Warteschlange vor der Kasse steht eine jüngere Frau, an der Hand hält sie die kleine Göre von vorhin. Das Mädchen reisst sich los und verschwindet hinter dem nächsten Regal. Jetzt, aus der Nähe, verstehe ich, was ihr die Mutter wirklich nach ruft: «Paloma!». Wie bin ich doch froh für die Oma!

 

erschienen am 10. April 2007


 

 

 

 

 

 

Schöne Vorstellung

 

Sei es im Theater oder an einem Konzert: der grösste, langhalsigste, korpulenteste, krausköpfigste und unruhigste Mensch im ganzen Saal sitzt garantiert gleich vor mir. Was muss ich mich da jeweils recken und strecken, mich mal nach rechts, dann wieder nach links lehnen. Die reinste Turnstunde! Folge: Genickstarre und Muskelkater am nächsten Tag. Eigentlich sollte es gleich nach der Garderobe zum Massnehmen gehen. Die Besucher würden dort vermessen, nach Höhe und Breite sortiert und dann nach einem sorgfältig ausgeklügelten Plan auf die Sitzplätze verteilt: Zwerge vorne, Riesen hinten. Voluminöse Haartrachten müssten zudem noch mit einer satt anliegenden Badekappe (vornehmer als Kulturkappe bezeichnet) gebändigt werden. Zudem würden sich bestimmt auch die Darstellerinnen und Darsteller auf der Bühne freuen. Endlich könnten sie ungehindert in all die Gesichter im Publikum sehen. Klein und schmal wie ich bin, hätte ich so sogar gute Chancen, künftig in jeder Vorstellung in der ersten Reihe sitzen zu dürfen; angemessen wäre es jedenfalls. Meine Forderung nach einer Kulturkappe würde ich dann allenfalls sogar zurückziehen. Endlich keine körperlichen Beschwerden mehr am nächsten Tag. Welch schöne Vorstellung!

 

erschienen am 21. April 2007


 

 

 

 

 

 

Du, Papi

 

Im Zugabteil neben mir: Der kleine Blondschopf quetscht seinen Papi aus, will von ihm zunächst wissen, was denn so eine Sitzbank koste, und dann, wie viel das ganze Abteil. Ob er mit dem Betrag, den ihm sein Vater schliesslich für den kompletten Zug genannt hat, was anfangen kann? Sicher weiss er, dass es sehr, sehr viel Geld ist und es wohl kaum etwas Teureres gibt. Für eine Weile will er keine Preise mehr wissen, drückt seine Nase ans Fenster und schaut sich sichtlich interessiert die vorüberziehende Landschaft an.

Und dann: Du, Papi, was kostet die ganze Welt? Statt irgendeine Fantasiesumme zu nennen, erklärt ihm der kluge Vater ruhig, dass die Welt unbezahlbar sei und dass wir ihr deshalb besonders Sorge tragen sollten. Das leuchtet dem Kleinen ein, er stimmt dem Vater zu und ist beeindruckt – ich auch. Während ich und vermutlich auch der Papi und vielleicht weitere Zugspassagiere noch über die Welt sinnieren, sagt die feine Knabenstimme: «Du, Papi, gäll de Liebgott cha nöd stärbe, er isch ja scho im Himmel.» Dieser kleine Bub fordert mich ganz schön mit seinen kindlichen Gedankengängen. Kindlich? Ich wollte, wir Erwachsenen würden uns öfters solche Fragen stellen. Zumindest an diesem Tag habe ich es gemacht, dank dieses kleinen Jungen!

 

erschienen am 8. Mai 2007


 

 

 

 

 

 

Deutsch(ex)kurs

 

Die neue deutsche Rechtschreibung hat es mir nicht gerade angetan. Seit ich, dank der Reform von der Reform, jedoch nicht mehr allein stehend, sondern wieder alleinstehend bin, kann ich mich eher damit abfinden. Manchmal stehe ich zwar ganz gerne alleine: Vor einem Schalter ist das sehr angenehm! Ich, die Schlange… Ein Sprachproblem, mit dem ich vermutlich nicht allein stehe, birgt dieser Satz: «Hunderte von Zuschauerinnen und Zuschauer säumten die Strasse und jubelten den Läuferinnen und Läufern zu, die im Zielraum von ihren Partnerinnen und Partnern erwartet wurden.» Allzu häufig wird in solchen Fällen die Form «LäuferInnen» verwendet. Grammatik ade! Beim Lesen von solchen Gebilden recke ich jeweils beim «I» den Hals und hebe die Stimme an. Mit der Schreibweise «Läufer/-innen» lösen sich die Probleme auch nicht. Beliebt ist die Endung «-ende». «Zuschauende» geht, «Laufende» klingt gesucht, aber «Partende» geht definitiv nicht. Partnerinnen und Partner lassen sich irgendwie nicht vereinen – ausgerechnet!

Am einfachsten wäre es, wenn Männlein und Weiblein klar getrennt unter sich blieben. Sprachlich, und auch sonst, hätten wir dann vielleicht weniger oder zumindest andere Probleme. Andererseits gäbe es vermutlich mehr «Alleinsteh-ende».

 

erschienen am 21. Mai 2007


 

 

 

 

 

 

Drei Frauen am Boden

 

Einen Einzelsitzplatz gleich bei der Tür habe ich mir im Tram ergattern können. Schön, so kann ich mich ungestört meiner Morgenlektüre hingeben. Dachte ich zumindest. Haltestelle. Die Türen gehen auf, Leute steigen aus, steigen ein. Dann kracht es gleich neben mir: Eine ältere Dame mit ihren drei Einkaufstaschen liegt auf dem Tramboden. Sie ist beim Einsteigen gestolpert. Peinlich, aber kann uns schliesslich allen Mal passieren. Abwarten.

Die Dame kommt alleine nicht mehr hoch, also: aufstehen, Türknopf drücken, der Frau unter die Arme greifen, um ihr auf die Beine zu helfen. Sie ist aber zu gewichtig, keinen Millimeter bringe ich sie hoch. Eine ebenfalls herbeigeeilte Frau packt mit an, keine Chance! Das Tram setzt ruckartig zur Weiterfahrt an: Ich gerate unter – nein, nicht die Räder – die beiden Frauen. Keuch! Und hilfesuchende Blicke nach starken Männern. Aber die denken wohl alle, dass wir drei Frauen uns einfach so zum Spass auf dem Tramboden wälzen.

Schliesslich doch noch: Ein reiferer Gentleman erbarmt sich unser. Mit seiner Hilfe kommen wir alle wieder auf die Beine und auf unseren Sitzplatz. Danke, mein Herr, ohne Sie hätte ich meinen Respekt vor dem «starken» Geschlecht wirklich verloren!

 

erschienen am 15. Juni 2007


 

 

 

 

 

 

Ich mag euch

 

Studien zeigen: Die Zürcher (alle -innen sind hier und nach-folgend jeweils eingeschlossen) mögen die Berner, aber die Berner mögen die Zürcher nicht. Ich bin Bernerin. Ich bin Zürcherin. Ich bin Doppelbürgerin. Als Zürcherin mag ich die Berner. Liege damit voll im Trend. Als Bernerin mag ich die Zürich. Trend hin oder her. Selbst die Schwamendinger können mich nicht abschrecken, obwohl oder gerade weil ich dort aufge­wachsen bin. Ich mag die Städter, die Oberländer und – natürlich – auch uns, die Unterländer. Ich mag aber auch die Aargauer, die Basler, die Thurgauer, die Bündner, die Tessiner und… Ich mag grenzenlos, regions- und kantonsübergeifend. Und ich kann sogar die Sympathie der Deutschen unserem Schweizervolk gegenüber erwidern. Ja, ich mag die Deutschen, wie auch die Österreicher, die Italiener, die Franzosen – alle Europäer. Bin ja selber eine von diesem Kontinent. Ich mag die Asiaten, die Afrikaner, die Australier und auch die Amerikaner im Norden und im Süden. Bin ja selber eine von dieser Welt. Was ich nicht mag, sind Pauschal- und Vorurteile. Wie an der Glatt gibt es auch am Mekong und anderswo solche und andere. Und wenn ich jemanden mag, dann nicht, weil er oder sie von hier oder von dort kommt, sondern weil er oder sie eben er oder sie ist. So einfach ist das.

 

erschienen am 2. Juli 2007


 

 

 

 

 

 

Fahrt ins Blaue

 

Halb zwölf Uhr. Magen knurrt schon. Kühlschrank leer, also nichts wie los zum Einkaufen. Doch sonderbar, dass mich mein Auto heute nicht fröhlich mit den Lichtern blinkend begrüsst. Warum reagiert die mit dem Schlüssel gesteuerte Zentralverriegelung nicht? Leider nicht nur die: Keinen Wank macht mein Gefährt. Innenlicht brennen lassen. Batterie auf dem Nullpunkt. Magen knurrt noch mehr. Pannendienst anrufen.

Eine halbe Stunde später ist die Rettung da. Wagen springt brav an. «Jetzt fünfundvierzig Minuten fahren», empfiehlt der freundliche Helfer. Magen knurrt immer lauter, aber ich habe keine Wahl. Es ist ein wunderschöner, sonniger Tag. Hätte ich ohne das Malheur vermutlich gar nicht beachtet. Also fahre ich gemütlich – muss ja nirgendwo hin – über Eglisau nach Rafz und stehe plötzlich an der Grenze. Ins Ausland? Nein! Kehrt­wen­dung. Hoffentlich denken die Zollbeamten jetzt nicht, dass ich Reissaus nehmen will. Ängstlicher Blick in den Rückspiegel: Kein Verfolger in Sicht. Fahre weiter durch wunderbare Landschaften. Magen knurrt mit Motoren-geräusch um die Wette. Wie lange bin ich jetzt schon unterwegs? Ob sich die Autobatterie schon genügend aufge-laden hat? Meiner eigenen Batterie tut dieses unvor-hergesehene Ausfährtchen jedenfalls gut.

 

erschienen am 20. Juli 2007


 

 

 

 

 

 

Tante Olga kauft ein

 

Tante Olga hat mit ihrem Mann vier Kinder grossgezogen. Finanziell waren die beiden nie auf Rosen gebettet. Olga musste stets sehr haushälterisch mit den bescheidenen Familieneinkünften umgehen. Inzwischen sind die Kinder längst ausgeflogen, leben alle in anderen Landesteilen oder im Aus­land. Tante Olgas Mann ist vor einigen Jahren verstorben. Olga lebt heute allein in ihrem schlichten Häuschen. Ab und zu kommt Besuch, aber zu ihrem Bedauern eher selten. Nichts ist mehr wie früher. Doch, etwas ist geblieben: ihre Einkaufsgewohnheiten. Olga erstellt ihre Besorgungsliste nach wie vor fast ausschliesslich aufgrund der Zeitung: Sonderangebot hier, Aktion dort. Zwanzig Cervelats, zehn Bratwürste, Fleisch kiloweise… Aber Tantchen, was machst du mit all den Köstlichkeiten? Wer soll all das Zeugs essen? Kann man alles einfrieren. Ja, schon, aber für wen denn? Die Tiefkühltruhe ist schon beinahe randvoll, Tantchen kauft weiter. Olga bräuchte dringend mal eine Tiefkühltruhen-Aktion. Ich werde mich jedoch davor hüten, sie auf diesen Expansions-Gedanken zu bringen! Meine Idee geht eher in Richtung Tante-Olga-Laden: mit dem Verkauf von einzelnen Cervelats, Bratwürsten und Koteletten an Leute, die (auch) nicht mehr brauchen, könnte sie sowohl ihren Besucher als auch den Lagerumschlag ankurbeln.

 

erschienen am 3. August 2007


 

 

 

 

 

 

Mit sonnigen Grüssen

 

Der Hilde will ich unbedingt schreiben. Kann ihr bei dieser Gelegenheit gleich für ihre kürzlich eingetroffene Ansichtskarte danken. Wo war sie schon wieder? Kenia? Nein, das war Dora. Genau, der Dora will ich auch einen Gruss zukommen lassen. Habe ich ihre neue Adresse? Bülach? Nein, in Büli ist ja Katrin zu Hause. Wie es Katrin wohl geht? Habe lange nichts von ihr gehört. Grund genug, mich bei ihr zu melden. Wenn ich der Katrin schreibe, so darf ich natürlich Silvia nicht auslassen. Silvia hat sich neulich von Marcel getrennt. Marcel werde ich auch Grüsse senden. Auch Susi werde ich berücksichtigen. Und Hilde spricht ja sicher mit Gabi. Ja, die Gabi werde ich ebenfalls anschreiben. Helga wird aber vergeblich auf Post von mir warten müssen! Von ihr habe ich noch nie einen Kartengruss erhalten. Andererseits, wie heisst es doch? «Willst du einen Brief, so schreibe einen Brief». Ich werde also selbst für sie eine Karte aussuchen und ein paar Worte darauf kritzeln.

Habe mich so auf diesen Urlaub gefreut. Aber jetzt frage ich mich, ob mir vor lauter Kartenschreiberei noch Zeit bleiben wird, Land und Leute kennen zu lernen und mich zu erholen. Hätte ich bloss diese Reise nicht gebucht! Von zu Hause müsste ich niemandem schreiben. Warum eigentlich nicht? Sonnige Grüsse aus Opfikon!

 

erschienen am 11. August 2007


 

 

 

 

 

 

Pakete kommen an

 

Pakete kommen an: diesem Slogan des gelben Riesen kann ich nur beipflichten. Da finde ich doch beim Heimkommen ein Paket vor der Wohnungstür. Nanu, denke ich. Habe ich mal wieder was bestellt und erinnere mich nicht mehr daran? Den Absender, eine Kosmetikfirma aus dem Nachbarort, kenne ich zwar, aber eine so grosse Sendung kann ich mir wirklich nicht leisten! Die Mittelchen in all den Tübchen und Döschen versprechen mir eine straffe, junge Haut, ein strahlendes Gesicht Schön. Passt gut. Aber warum gleich so viele Produkte? Muss mich beim Bestellen sehr alt gefühlt haben. Oder hat mir da jemand einen Streich gespielt, will mir einen Wink geben? Mein Mail an den Absender wird sehr speditiv beantwortet. Es handle sich um einen Irrtum, ich solle entschuldigen. Die Produkte dürfe ich behalten und die Rech­nung vernichten. Das ist aber nett – danke schön! Solcherlei Pakete können noch mehr kommen, die kommen bei mir an! Habe mit der Jungbrunnenkur zwar noch nicht angefangen, aber wenn sie demnächst jemanden wie mich sehen und zweifeln, ob es sich wirklich um mich handelt oder um meine jüngere Schwester oder gar um meine Tochter, dann kann ich ihnen jetzt schon versichern: ich bin es, ich habe weder eine Schwester noch eine Tochter!

 

erschienen am 8. Oktober 2007


 

 

 

 

 

 

Mittel gegen Selbstmitleid

 

Nein, bleiben Sie ruhig sitzen. Im Stehen gehe es ihr besser, erklärt mir die ältere Dame, die eben vornübergebeugt und mühsamst in den Bus eingestiegen ist. Unsicher hält sich die Frau auf den Beinen, sich mit einer hand zittrig auf ihren Stock stützend. Ihr Rücken sei kaputt, es werde immer schlimmer, niemand könne ihr mehr helfen. Das Leben sei gelaufen. 77 sei sie zwar schon. Na, das ist doch… versuche ich zu entgegnen. Man wisse halt nie, was auf einen zukomme. Ein Leben lang sei man für andere da gewesen, und dann das. Ja, man wisse wirklich nie, bekräftige ich. Und ich sitze hilflos vor ihr. Möchte die Frau am liebsten auf die Knie nehmen. Tue ich dann aber doch nicht. Möchte sie am oder in den Arm nehmen, sie irgendwie stützen. Tue ich dann aber doch nicht. Schlafen könne sie kaum noch. Sie habe zwar ein Kissen, das sie sich unter die Beine legen könne, dann gehe es – aber meist könne sie nicht vor drei Uhr einschlafen. Das Liegen sei eine Qual. Sie versucht, ihre Tränen zurück-zuhalten.

Und ich wollte heute Morgen wegen meines ach so starken Schnupfens und Hustens nicht zur Arbeit gehen. Bin dann doch gegangen. Bin froh, denn sonst hätte ich diese Frau nicht getroffen und würde wohl nun zu Hause vor mich hin leiden, mich bemitleiden und mich nicht einmal dafür schämen.

 

erschienen am 7. Dezember 2007


 

 

 

 

 

 

Die neue Agenda

 

Es ist Zeit, gute Vorsätze fürs neue Jahr zu fassen. Verschiedene Gewohnheiten habe ich, die es abzulegen gäbe. Wirklich ändern möchte ich im neuen Jahr mein Zeitmanagement. Mehr Zeit für soziale Kontakte, mehr Zeit für meine Freunde. Eine Agenda 2008 habe ich mir längst besorgt. Nun gilt es, meine Tage einzuteilen. Montag: Kino (fünf Franken!). Dienstag: Fitness. Donnerstag: Yoga. Freitag: Russisch. Wochenende: Das gehört meiner Familie, und am Sonntagabend stehen zudem Rosamunde Pilcher oder der «Tatort» auf dem Programm. Mittwoch! Am Mittwoch habe ich tatsächlich nichts los. Halte mir den Mitt­woch also frei. Das muss schliesslich auch Platz haben: Zeit für spontane Verabredungen. Mittwoch ab 18 Uhr bin ich also verfügbar! Ist doch cool: Will ich mich mit einer Kollegin verabreden, kann ich in Zukunft ganz spontan den Mittwoch anbieten! Muss ich gleich ausprobieren.

Nein, am Mittwoch könne sie unmöglich, das sei der einzige Wochentag, an dem auch ihr Freund frei habe, erklärt mir meine erste Probandin. So was von unflexibel, wo bleibt die Spontaneität? Die Woche hat einfach zu wenige Tage! Gibt es eine Lösung? Wir könnten im neuen Jahr mehr gemeinsam unternehmen: Kino, Fitness, Yoga, Sprachkurs. Wir nehmen es uns fest vor.

 

erschienen am 27. Dezember 2007


 

 

 

 

 

 

Einsame Tierherzen

 

Wir Menschen haben es ja gut. Wenn wir uns einsam fühlen, können wir uns mit Hightech Spielzeug trösten. Sie erinnern sich an das Tamagotschi? Es war in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre weltweit überaus populär. Ein virtuelles Küken, um das man sich vom Zeitpunkt des Schlüpfens an wie um ein echtes Haustier kümmern muss. Das Spielzeug hat Bedürfnisse wie Schlafen, Essen, Trinken oder Zuneigung und entwickelt gar eine eigene Persönlichkeit.

Nun gibts Paro, eine kuschelige Baby Robbe. Geboren oder besser gesagt erfunden wurde Paro – natürlich – in Japan. Paro soll in Krankenhäusern, Altersheimen und überall dort zum Einsatz kommen, wo Haustiere verboten sind. Fünf Sensoren im Innern sorgen dafür, dass das Plüschtier fast wie ein Lebewesen auf sein Umfeld reagiert. Paro kann strahlen, wenn er zufrieden ist, er kann aber auch ein richtiges Biest sein, wenn er schlecht behandelt wird.

Wie gesagt, wir Menschen haben es gut. Denkt aber auch mal jemand an die zahlreichen herrenlosen Katzen, Hunde und andern Haustiere auf der Strasse und in den Tierheimen? Bräuchten die nicht auch einen Ersatz? Einen virtuellen Menschen, der ihnen Disziplin beibringt und sie mit Streicheleinheiten belohnt? Einen mit Sensoren?

 

erschienen am 5. Januar 2008


 

 

 

 

 

 

«Isch da no frei?»

 

Im Bus, Tram und Zug fällt mir unangenehm auf, wie viele Leute ganz selbstverständlich zwei bis drei Sitzplätze in Beschlag nehmen – während der Hauptverkehrszeiten, wohlverstanden. Und keiner käme auf die Idee, die Tasche, den Rucksack oder die Beine vom Sitz gegenüber weg zu nehmen, um neu Zugestiegenen eine Sitzgelegenheit zu geben. Auf den freien Platz am Fenster hinüber zu rutschen ist verpönt. Schliesslich will man beim Aussteigen nicht über Sitznachbarn klettern müssen. Sollen doch die andern! Einmal sitzend, stellt man sich am beten schlafend oder in eine Zeitung vertieft.

Nach der zumeist überflüssigen Fragen «Isch da no frei?» stemmt man sein Gepäck hoch, balanciert sich über die Sitzenden und quetscht sich in den freien hinteren Sessel oder in das, was einem davon überlassen wird. Und bedankt sich dann womöglich auch noch für das gewährte Gastrecht. Beine immer schön angezogen, um das Gegenüber ja nicht zu stören.

Endlich kann man sich dann in die Zeitung vertiefen. Wenn man Glück hat. Aber meist muss ja irgendjemand irgendjemandem irgendetwas per Handy mitteilen. Seine Ankunft ankündigen, sagen, dass er zur Zeit komme oder eben nicht und warum nicht.

Wo sonst kommt man sich so schnell so nahe?

 

erschienen am 21. Januar 2008


 

 

 

 

 

 

Urin stinkt

 

Ich liebe die sprachliche Vielfalt! Besonders gefallen mir Wortspiele, wie sie gerne von Verkaufsläden verwendet werden. Ein Delikatessen Geschäft wirbt beispielsweise mit «delikat essen» oder ein von einem Huber betriebenes Fachgeschäft für Flugzeugmodelle tritt mit dem Namen «HubAir» auf.

Beim Restaurant Aushang: «Durchgehende warme Küche» mache ich mir so meine Gedanken und stelle mir die durch das Ge­bäude langgezogene, schweisstriefende Küche vor … Oder bei einem Modegeschäft mit der Beschriftung: «Andauernd die neusten Modelle» frage ich mich, wie sich diese beiden Begriffe vertragen: Was ist schon andauernd das Neuste?

Sehr schön sind gewollte oder ungewollte «Wortspiele». Wenn zum Beispiel ein Imbissstand mit «Take a way» wirbt: Soll ich nun einen Imbiss kaufen und mitnehmen (take away) oder soll ich – hungrig und ohne Imbiss – gleich einen Weg einschlagen (take a way)? – Wenn letzteres gemeint ist: warum schreiben die nicht gleich an: «Keep away!» (halten Sie sich fern!)? Verwirrend oder amüsant können auch gewisse Worttrennungen sein. Wie trennen Sie das Wort «Urinstinkt»? «Ur-instinkt» oder «Urin-stinkt»? (Grammati-kalisch sind beide Varianten möglich!)

Ich liebe die sprachliche Vielfalt! Verstehen Sie das?

 

erschienen am 22. Februar 2008


 

 

 

 

 

 

Alt oder älter?

 

Wäre ich ein Jahr später geboren worden, so könnte ich in diesem Jahr meinen 14. oder – den Tag der Geburt mit berücksichtigt – meinen 15. Geburtstag zelebrieren. Dem ist aber nicht so. Ich wurde ein Jahr zu früh gezeugt. Am nächsten Samstag habe ich daher meinen 40. Geburtstag – wenn man den Tag der Geburt und die Schaltjahre nicht mitzählt! Schaltjahre und Geburtstag mitgerechnet, ist es mein 54. Jahrestag. Kurzum, ich werde am Samstag 53 und stehe dann im 54. Lebensjahr. Wie verwirrlich das doch alles ist!

Nun, jung bin ich definitiv nicht mehr. 70 Jährige sehen das jedoch anders – wie fühle ich mich da jeweils geschmeichelt! Bin ich für sie nun aber eine «junge» oder eine «jüngere» Person? Eigenartig: «Jünger» ist doch die Steigerung von «jung», und doch ist «jung» jünger als «jünger» und «älter» jünger ist als «alt». Oder wer ist jeweils jünger: eine junge oder eine jüngere, eine reife oder eine reifere, eine gesetzte oder eine gesetztere, eine alte oder eine ältere Person?

Jugendliche machen es sich da mit dem Ausdruck «Grufti» einfacher. Bin ich nun aber ein «Grufti», eine laut Wikipedia «ältere Person ausserhalb des Jugendalters, die sich oftmals Neuerungen des alltäglichen Lebens verschliesst und daher als altmodisch empfunden wird»?

 

erschienen am 29. Februar 2008


 

 

 

 

 

 

Gewichtige Probleme

 

Übergewichtige Kinder, Jugendliche, Erwachsene – offenbar ein Problem unserer Gesellschaft. Ich gehöre diesbezüglich entschieden einer Minderheit an. Einer benachteiligten Minderheit! Mein Problem: Untergewicht. Mein Body Mass Index (BMI) erreicht nicht mal denjeni­gen eines 5 jährigen Mädchens. BMI? Der errechnet sich so: Körpergewicht, dividiert durch Körpergrösse im Quadrat. Das ergibt bei mir gerade mal einen Wert von 16. Ein durchschnittliches 5 jähriges Mädchen erreicht einen BMI von 17,4. Ich soll einfach mehr essen, meinen Sie? Das is(s)t einfacher gesagt als getan. Zunehmen, so liess ich mir von einer Ernäh­rungsberaterin sagen, sei noch schwieriger als abnehmen. Ich kann es nicht beurteilen, musste noch nie abnehmen.

Benachteiligt fühle ich mich deshalb, weil die Einkaufsgestelle voll sind mit kalorienarmen und fettarmen Produkten. «Léger», «light»… und wie die Bezeichnungen alle heissen. Ich aber bräuchte «extra heavy» und «extra kalorienreich»! Ich soll einfach mehr zu mir nehmen? Gut, ich mache mich gleich hinter eine Schachtel Pralinen – die sind garantiert nicht kalorienarm! Und vielleicht bringe ich morgen schon 100 Gramm mehr auf die Waage. Für andere wäre das ein Tiefschlag, für mich ist’s Anlass für einen Freudensprung. So ungerecht ist die Welt!

 

 erschienen am 11. März 2008


 

 

 

 

 

 

Hosenboden auf Kniehöhe

 

Männer, ihr geht manchmal schon etwas weit, zu weit! Ich bewundere zwar eure Technik. Die mit den Hosen. Mit den halb heruntergelassenen Hosen. Ein bisschen blutte Haut mag ja noch sexy sein, aber wehe, ihr müsst euch bücken: eure Fudispalten auf der Strasse, im Tram oder sonstwo ansehen zu müssen, stösst mich ab. Oder bin ich prüde? Warum meinten wir einst, einen Gürtel oder Hosenträger oder gar beides zu brauchen? Heute hängt man wohl eher Gewichte an die Hosenbeine. . .

Wenn bloss einem von euch mal die Hose ganz runterrut­schen würde, so in aller Öffentlichkeit, das würde mich echt befriedigen. Nicht so, wie ihr vielleicht denkt! Nein, ich hätte einfach Schadenfreude, Schadenfreude darüber, dass eure Technik doch nicht so ganz funktioniert. Und bewiesen wäre damit, dass man die Mode auch übertreiben kann! Also, hört auch auf eure Mütter, die sagen: «Ist doch ungesund, erkältest dich doch!».

Auch wenn ich hier von Männern – jungen Männern – spreche, die Mädchen machen es nicht besser. Im Gegenteil! Sie tragen dazu noch so kurze Shirts: nabelfrei ist angesagt – «mein Bauch gehört mir!» Ja, sicher, aber bedenkt: nicht nur das straffe Bäuchlein von heute, auch das schmerzende Becken von morgen gehört euch!

 

erschienen am 22. März 2008


 

 

 

 

 

 

Winterzeit, Sommerzeit
 

Alle sechs Monate die gleiche Diskussion mit meiner Freundin: Gewinnen oder verlieren wir durch die Zeitumstellung? Wie mans nimmt. «Endlich kommt die Sommerzeit, da hat man wieder längere Abende!» – «Warum werden denn die Abende länger?» – «Na, weil es um 22 Uhr noch hell ist.» – «Ja, aber 22 Uhr ist eigentlich erst 21 Uhr, daher ist es um diese Zeit noch heller als während der Winterzeit. » – «Eben, wir gewinnen eine Stunde, das ist doch schön!» – «Wir gewinnen nicht, wir verlieren!» – «Aber, wenn es um 22 Uhr noch hell ist, dann können wir doch eine Stunde länger aufbleiben!» – «Bist du eine Sonnenuhr? Zählst die heiteren Stunden nur?» – «Vergiss die Nacht vom Samstag auf den Sonntag nicht: Um 2 Uhr springt der Stundenzeiger auf 3 Uhr, wir können also eine Stunde weniger schlafen! Und: Am Sonntagmorgen ist es dunkler als am Samstag um die gleiche Uhrzeit. Wo bleibt da der Gewinn?» – «Versteh ich nicht, wenn ich um 11 Uhr aus den Federn krieche, ist es hell, egal ob Samstag oder Sonntag, Sommer oder Winterzeit.»

Nun, diesem Argument ist nur schwer zu widersprechen. Wie dem auch sei: Am kommenden Wochenende wird die Uhr um eine Stunde vorgestellt. Wir verlieren eine Stunde Dunkelheit und gewinnen eine Stunde Helligkeit. Alles klar?

 

erschienen am 29. März 2008


 

 

 

 

 

 

Hopp Schwiiz!

 

Als Fussballmuffel wusste ich es ja nicht. Aber im Internet kann man es auf die Sekunde genau nachverfolgen. In 46 Tagen wird in Basel das erste Spiel der Euro 08 angepfiffen. Schweiz gegen Tschechische Republik. Hopp Schwiiz!

Wir leben Fussball, wir leben Euro, wir leben Schweiz! Rote Socken mit weissem Schweizer Kreuz in roten Slippers mit weissem Schweizer Kreuz, roter Trainingsanzug über rotem T-Shirt, alles mit weissem Kreuz...! Und wer beim roten Käppi mit Schweizer Kreuz noch nicht genug hat: Fahnen, Schirme, Taschen, Rucksäcke kurz zur Seite legen, Hände frei halten. Bodypainting ist angesagt – zwei Farben genügen.

Auch wer sich weder für Fussball noch für den Kommerzrummel rund um die Euro 08 begeistern kann: Schön ist es schon, dieses «einig Volk von (roten) Brüdern und Schwestern»!

Sind wir eigentlich stolz auf die Schweiz, oder sind wir stolz auf unsere Nationalmannschaft? Wohl auf beides, und es ist zu hoffen, dass wir es auch nach dem 29. Juni noch sein werden. So oder so, unsere rot weisse Ausrüstung sollte nach der Euro nicht gleich in die Kleidersammlung wandern: Spätestens am 1. August passt unser Outfit doch wieder perfekt, wenn es heisst: «Trittst im Morgenrot daher…!»

 

erschienen am 22. April 2008


 

 

 

 

 

 

 

Der Baum bleibt da

 

Letztes Jahr verbrachte ich den ersten Maitag an einem Ort, wo sie es noch verstehen, urtümliche Feste zu feiern: In einem bayerischen Bauerndorf. Männer in Lederhosen und Kniestrümpfen und Frauen in traditionellen Trachtenröcken ziehen am Morgen des ersten Tages im Mai zum Dorfplatz. Dort scharen sie sich stolz um ihren Maibaum. Der wurde am Vorabend aufgestellt. Die ganze Nacht über versuchen dann Leute aus den Nachbardörfern, den bewachten Maibaum zu entwenden. Wer deswegen die Polizei einschaltet, verstösst gegen die örtlichen Sitten und riskiert seine Ehre. Legt ein junger Mann oder eine alte Frau die Hand auf den Baum und sagt «der Baum bleibt da», darf dieser von den Dieben nicht mehr angerührt werden. Wird der Raub noch während des Ab­transportes entdeckt, so muss der Baum zurückgegeben werden. Erst wenn der Baum bereits hinter dem Ortsschild ist, gilt er als geklaut. Er kann dann, zumeist gegen Speis und Trank, wieder ausgelöst werden.

Dieses Jahr werde ich den 1. Mai in Moskau erleben. «Tag des Frühlings und der Arbeit» heisst er dort. Statt Bier wird es Wodka geben, statt Weisswürste Schaschlik, statt Knödel Piroggen, und statt eines Bembels werde ich eine Matrjoschka zurückbringen. Auf weitere Unterschiede bin ich gespannt.

 

erschienen am 29. April 2008


 

 

 

 

 

 

Verflixt und zugedreht

 

Mit Schere, Messer, Dosenöffner, Schraubenzieher und Hammer traktierte Behältnisse füllen mittlerweile nicht nur meine Besenkammer und meinen Apothekerkasten, sondern auch meinen Kühlschrank. Überall stehen sie rum, diese notdürftig mit Alufolie abgedichteten Flaschen, Tuben und Döschen. Sie fragen sich, was die Folie soll, wo doch die meisten Artikel mit wieder verschliessbaren Deckeln versehen sind? Nun, mein Problem beginnt früher, beim Öffnen nämlich. Diese Sicherheitsverschlüsse überfordern mich. Deckel von oben und von der Seite drücken und gleichzeitig drehen, das schaffe ich nicht. Über die «Verpackungs-künstler» schimpfend, greife ich dann eben zu Hilfsmitteln aus dem Werkzeugkasten.

Neulich allerdings musste ich kapitulieren. Das Glas mit Tomatensauce war nicht aufzukriegen. Es landete samt Inhalt im Abfalleimer. Wenn Chemikalien vor zu leichtem Öffnen abgesichert werden, kann ich das ja noch verstehen, aber Tomatensauce? Wenn es mir jeweils bloss nicht so peinlich wäre: Eine weitere «Waffe» gegen diese Sicherheits-verschlüsse hätte ich schon – meine Nachbarskinder. Kinder sind nämlich nicht so ungeschickt wie ich – und schon gar nicht so, wie die Designer kindersicherer Verschlüsse sich dies offenbar vorstellen.

 

erschienen am 30. Mai 2008


 

 

 

 

 

 

Auf nach Sumatra!

 

Zu Arztterminen erscheine ich stets überpünktlich. Denn ich liebe Arztbesuche. Zumindest solange, bis ich ins Untersuchungszimmer gerufen werde.

Im Gegensatz zu vielen anderen Patienten im Wartezimmer bin ich jeweils weder nervös noch angespannt. Gespannt allerdings schon. Gespannt darauf, welche Hochglanzjournale ich diesmal vorfinden werde. «Geo», «Merian» und «Animan» gehören zu meiner absoluten Lieblingslektüre. Text­ und Bildbeiträge über Länder, Völker, Natur und Tiere faszinieren mich. Bei ihrem Studium vergesse ich jeweils, warum ich eigentlich dort bin, dass mich bald eine Spritzennadel pieksen wird oder dass ich mich demnächst mit offenem Mund und ausgetrockneter Kehle verkrampft am Zahnarztstuhl festklammern werde.

Aber selbst wenn ich dann auf dem Schragen oder im Stuhl liege, träume ich weiter, von fernen Ländern und anderen Kulturen. Da war doch dieser Beitrag über Poseidon, den griechischen Gott des Meeres, und seine Amphitrie oder in einem andern Heft die Reportage über die Orang Utans auf Sumatra… Kennen Sie Sumatra? Nein? Dann gehen sie unbedingt hin! Nach Sumatra. Oder einfach zum Arzt. Nur schade, dass «Fernweh», so schmerzhaft es sein kann, nicht von der Krankenkasse übernommen wird.

 

erschienen am 24. Juni 2008


 

 

 

 

 

 

Sind Sie sicher?

 

Würde unser Leben doch bloss wie ein Computer funktio­nieren. Wie viel einfacher wäre es! So ohne Bill Gates, der uns im entscheidenden Moment fragt: «Sind Sie sicher?» oder «Wollen Sie die Änderungen speichern?» sind wir doch ganz auf uns selbst gestellt und müssen uns stets sehr genau überlegen, was wir tun. Denn, es gibt kein «rückgängig», kein «abbrechen», kein «einfügen» und kein «ersetzen». Gesagt ist gesagt, getan ist getan. Alles wird registriert, gespeichert, unwiderruflich. Wir können zwar entschuldigen, vergeben und vielleicht auch vergessen, aber nicht ungeschehen machen.

Bei Problemen steht uns keine «Hilfe»- oder «Escape»-Taste zur Verfügung. Und läuft mal alles drunter und drüber, wie praktisch wäre es dann, die Tastenkombination «CtrlAltDel» drücken und neu starten zu können. Oder wenn wir die Zeit zurückdrehen möchten: aktuelle Daten löschen, mit letzter Siche­rungskopie weiterarbeiten. Und schon ist alles, wie es einmal war; wir erhalten eine neue Chance. Und kommt es gut, schnell «speichern».

Ob uns Menschen der liebe Gott heute mit all diesen «Features» ausstatten würde? Wohl kaum. Er hat sich sehr genau überlegt, was er tat, er brauchte weder einen Bill Gates noch eine «Delete» Taste.

 

erschienen am 12. Juli 2008


 

 

 

 

 

 

Trübe Aussichten

 

Wenn die Sonne so schräg ins Zimmer scheint, kommt die Wahrheit ans Licht: meine Fensterscheiben wurden schon lange nicht mehr gereinigt. Von wem auch, wenn nicht von mir? Lese noch das Kapitel in meinem Buch zu Ende und dann mache ich mich gleich an den Scheibenputz. Was wohl mit Robert und Silke wird? In welchem Kapitel wird sich das entscheiden?

Fenster reinigen, wenn die Sonne drauf scheint, das kommt nicht gut, gibt Streifen. Also kann ich ruhig noch zwei, drei Kapitel lesen. Sandra liebt Wolf, aber eben auch Kai. Sie kann sich nicht entscheiden. Wenn ich ihr raten könnte: Nimm den, der besser im Fensterputzen ist! Habe ich überhaupt Reinigungsmittel da? Und Putztücher? Die Leiter bräuchte ich auch, die steht aber im Keller, hinter Koffern und Kartons. Wurde eben schon lange nicht mehr gebraucht.

Die Sonne scheint nicht mehr direkt ins Zimmer und es ist schon ganz düster. Um diese Zeit? Es ist nicht nur das schmutzige Fenster, das den Raum verdunkelt. Draussen ziehen bedrohliche Gewitterwolken auf, bald wird es regnen.
Wie gut, dass ich mit dem Putz noch nicht begonnen habe! Aber morgen, morgen putze ich die Fensterscheiben ganz sicher. Sicher? Wie ist der Wetterbericht? Sonne den ganzen Tag, Gewitter gegen Abend. Petrus sei Dank!

 

erschienen am 29. Juli 2008


 

 

 

 

 

 

Filmreifer Morgen

 

An gewissen Tagen erwacht man wie im Film, im falschen natürlich. Dabei hat man doch eben noch so schöne Träume gehabt. Wo ist mein «Traummann» geblieben, der mir das Frühstück und die Zeitung ans Bett bringt? Frühstück: keine Milch, keine Eier. Ofen einschalten, Brötchen rein, schnell unter die Dusche. Ich könnte ja stundenlang . . . was riecht denn hier so arg? Brötchen pechschwarz, Wohnung voller Rauch. Kaffee muss aber sein. Blick auf die Uhr: Zeit, ins Büro zu gehen. Kaffee kann ich dort noch trinken. Kann ich üblicherweise auch, aber nicht heute. Mit «wo bleibst du, die Sitzung beginnt doch gleich», werde ich empfangen. Uff, hab ich völlig vergessen, bin überhaupt nicht vorbereitet. Schnell die Unterlagen zusammengrabschen und ab ans Meeting.
«Nachdem wir alle Kaffee und Gebäck geniessen konnten. . .». Was für ein unpassender Einstieg! Das laue Wasser ersetzt mir den Kaffee nicht. Ich habe nur einen Gedanken: Kaffeepause! «Ich meine, ich denke..., bla, bla...». Endlich: Pause. «Könnten Sie schnell ins Büro gehen, da war so ein Anruf...». Also kein Kaffee für mich.

«Frisch gestärkt... bla, bla», geht die Sitzung weiter. Wäre ich bloss im Film, ich könnte jemanden beauftragen, mir Kaffee zu bringen. Bin aber nicht im Film – oder eben im falschen!

 

erschienen am 11. August 2008

 

 

 

 

 

 

 

Tierische Gedanken

 

Unlängst im Zoo ist mir durch den Kopf gegangen, welch grosse Verantwortung so ein Tierpfleger hat. Und letztlich auch, welch grosse Macht. Macht? Nun, es läge doch in seiner Macht, all die unschuldig eingesperrten Tiere in Freiheit zu entlassen. Einfach Käfige aufsperren, Tiere rauslaufen lassen. Ob sich das ein Tierpfleger schon mal vorgestellt hat? An seinem letzten Arbeitstag vor der Pensionierung vielleicht, so als Abschiedsgeschenk an «seine» Tiere?

Was wüssten Einheimische und Touristen nicht alles zu erzählen! Von Elefanten und Löwen im Zoorestaurant, von Giftschlangen und angriffigen Affen an der Tramstation, vom ersten Tiger auf dem Glattuferweg. Mit Lautsprecherwagen würde die Polizei davor warnen, die Häuser zu verlassen. Die ganze Welt spräche von der Wildnis Zürich. Geschäftemacher böten Safaris im Jeep an. Aus Abu Dhabi und Rio kämen sie in Sonderflügen nach Kloten. Wo sie die Villenbesitzer vom Zürichberg kreuzten, die fluchtartig ins Feriendomizil nach St. Moritz oder Monaco entflögen. Das alles nur, weil ein Zooangestellter ein paar Riegel nicht geschoben, ein paar Schlüssel nicht gedreht hätte. Mag sein, dass Tierpfleger nicht mal im Traum daran denken, solches zu tun. Dass meine Fantasie mächtig auf Touren kam, zeigt aber, wie anregend alleweil ein Zoobesuch ist.

 

erschienen am 1. September 2008

 

 

 

 

 

 

 

Ungebetener Gast

 

Durchs offene Fenster muss sie reingekommen sein. Ungefragt (sie weiss warum!) und unbemerkt. Sitzt einfach da, wie selbstverständlich. Sie fühlt sich offensichtlich wohl, ich mich aber nicht. Frech, wie sie mich so unschuldig anschaut, mich mal an der Nase kitzelt, mal am Ohr. Meinen Abwehrbewegungen weicht sie geschickt aus und ver-schwindet irgendwo. Fast schon habe ich sie vergessen, da taucht sie wieder auf, streicht über meinen Arm, über meine Wange und bewegt sich Richtung – nein, bitte nicht das Auge! Ich möchte sie packen und rauswerfen, aber sie ist zu flink, sie entkommt mir.

Üblicherweise steht ja meine Schlafzimmertüre auch nachts offen. Nicht heute. Hierhin soll sie mir nicht auch noch folgen. Endlich habe ich Ruhe. Kein Kitzeln an Arm, Nase und Ohr. Am nächsten Morgen: Sie ist noch immer hier, umkreist mich, kitzelt mich mal hier, mal dort. Der Kampf beginnt aufs Neue. Aber dann endlich bin ich schnell genug. Ich kann sie packen. Ich könnte jetzt einfach zudrücken bis sie... Warum schaffe ich es aber doch nicht? Sie tut mir Leid, trotz allem. Sie mit der einen Hand fest umschliessend, öffne ich mit der andern das Fenster und schubse sie raus. Weg ist sie!

Irgendwie vermisse ich sie nun aber doch, die kleine, harmlose Fliege.

 

erschienen am 9. September 2008

 

 

 

 

 

 

 

Autobahn-Flirt
 

Flirts auf der Autobahn mögen gefährlich sein, wenn man seine Autofahrerpflichten dabei vergisst. Aber sie haben auch ihren Reiz. Mein «Kleidchen» ist mein Auto. Auto gut, alles gut. Oder verspricht mein Auto mehr, als ich je halten könnte? Ist mein Auto das Objekt der «Begierde», oder bin ich es? Mit meiner Blechkarosse nehme ich es allemal auf. Die bringt bestimmt keinen Mann auf Hochtouren. Also bin ich es!

Ich gebe Gas. Er ist viel jünger, sieht blendend aus. Unsere Blicke treffen sich. Nach dem Überholen fahre ich auf die rechte Spur, reduziere das Tempo. Bingo! Er überholt, lächelt rüber und reiht sich wieder vor mir ein. Dann bin ich, dann wieder er, dann wieder ich dran: überholen, überholen lassen, überholen, überholen lassen – und immer schön rüberlächeln.

Der sieht wirklich gut aus! Ich sollte dringend. Und einen Kaffee könnte ich auch brauchen. Aber soll ich deshalb meinen «Verehrer» verlieren? Noch schlimmer wäre es, wenn er glaubte, dass ich seinetwegen rausfahre, in der Hoffnung, dass er mich anspricht.

Ich sollte aber wirklich dringend...! Durchhalten, weiter geht es mit abwechslungsweisem Überholen und Zulächeln. Was nun? Er blinkt, er verlässt die Autobahn. Kann er doch nicht machen! Doch, kann er, soll er auch. Bye bye, mein Autobahnheld!

 

erschienen am 3. Oktober 2008

 

 

 

 

 

 

 

Feine Nuancen

 

Mit «eine Kollegin von mir» werde ich zu Beginn des Abends einer mir unbekannten Frau vorgestellt. Kollegin? Warum bezeichnet sie mich als Kollegin? Immerhin hat sie mich gebeten, sie heute Abend an diesen Anlass «im Freundeskreis» zu begleiten. Ich gehöre also nicht zu diesem Kreis. Habe mir das bisher nie überlegt, jetzt aber gehe ich in Gedanken «meine Frauen» durch: Bekannte? Kollegin? Freundin? Habe ich eine gute, enge oder gar beste Freundin? Die Entscheidung fällt mir nicht leicht. Welches sind die Kriterien? Was macht eine Bekannte zu einer guten Bekannten, zu einer Freundin, zu einer guten und schliesslich zu einer besten Freundin?
Mit der unbekannten Frau komme ich schnell ins Gespräch. Wir haben eine angeregte Unterhaltung, stellen viele Gemein-samkeiten fest. Wir verstehen uns. Aus einer Unbekannten ist eine Bekannte geworden. Kollegin? Nein, das passt nicht. Eine Kollegin hat etwas Unfreiwilliges. Arbeitskolleginnen sucht man sich meist ja nicht aus. Freundin? Dazu kennen wir uns zu kurz. Andererseits: Welche Rolle spielt der Zeitfaktor bei einer Freundschaft? Machen wir Frauen es uns doch schwer untereinander! Bei Männern sind wir lockerer oder wie ist das mit der Liebe auf den ersten Blick?

 

erschienen am 3. November 2008

 

 

 

 

 

 

 

Ohne Wenn und Aber

 

Wie oft meinen wir, dass, wenn etwas vorüber oder ge­schafft sei, wir dann endlich etwas Bestimmtes sein oder tun können. Das fängt schon in der Kindheit an: «Wenn ich erst mal gross bin, dann…» Als Zugführer, Pilot, Arzt, Schauspieler oder Model sehen sich Heranwachsende im «Dann».

Ob sie sich später daran erinnern, wenn sie als Zugführer, Pilot, Arzt, Schauspieler, Model oder etwas ganz anderes tätig sind? Und wie viele «Wenn» und «Dann» haben sie dafür überwinden müssen? Im Berufsalltag eingespannt, geht es unvermittelt weiter mit diesem «Wenn, dann…». «Im Moment bin ich zu eingespannt, aber wenn…, dann…» – der richtige Zeitpunkt ist immer später.

Und wie schnell kommt der Gedanke: «Wenn ich erst mal pensioniert bin, dann…». Vor lauter «Wenn» schieben wir ein Leben lang so vieles vor uns her. Ist das «Dann» dann da, haben wir vermutlich schon vergessen, was wir (jetzt) eigentlich wollten. Gleich haben wir ein neues «Wenn, dann…» im Auge. Machen wir uns selber etwas vor? Suchen wir ständig nach einer Ausrede, etwas nicht tun zu müssen? Fällt uns kein neues «Wenn» mehr ein, so finden wir bestimmt ein passendes «Aber». Was und wo wäre ich heute wohl ohne all dieses «Wenn» und «Aber»?

 

erschienen am 20. Dezember 2008

 

 

 

 

 

 

 

Heute ist Waschtag

 

Wie ich sie doch mag, all die Wasch- und sonstigen Maschi­nen, die uns den Alltag erleichtern. Einfach Material einfüllen, Knopf drücken, fertig. Bis meine Spülmaschine eines Tages vor dem Abwasch fertig war. Mitten im Programm gab sie einfach den Geist auf, tat keinen Wank mehr. Ich und das schmutzige Geschirr schauten verständnislos drein. Maschine ausschalten, wieder einschalten, nichts hat was gebracht. Nach zwei-, dreimaligem Handabwasch kam dann der angeforderte Monteur. Die Maschine hat er zügig repariert.
«Wenn Sie schon da sind», sagte ich zum Monteur, «die Körbe in der Spülmaschine sind ganz rostig – ob man mir neue Einsätze liefern kann?» Aber gerne! Eifrig notiert der junge Mann meine Bestellung. Während ich meine Unterschrift auf das Formular kritzle, frage ich ihn, warum denn diese Dinger rosten würden. Das komme vom Wasser, erklärt er mir mit Unschuldsmiene. Aha, darauf wäre ich nicht gekommen.

Die Frage, warum man kein rostfreies Material verwende, kann er nur mit einem Schulterzucken beantworten. Schon klar: Ersatzteile wollen auch verkauft sein. Die neuen Dinger sind inzwischen eingetroffen und haben einige Waschgänge hinter sich. Noch haben sie keinen Rost angesetzt – und dies trotz des Wassers.

 

erschienen am 5. Januar 2009

 

 

 

 

 

 

 

Geschenk mit Haken

 

Nach jahrelanger Veloabstinenz habe ich es endlich geschafft, mein Velo wieder fahrtüchtig zu machen. Praktisch, so ein Gefährt, das man am Bahnhof problemlos abstellen kann.

Gedacht, getan. Mit dem Velo zum Bahnhof, Zug nach Zürich. Nachts wegen Zugsverspätung gerade noch die letzte S-Bahn zurück erwischt. Ob der Anschlussbus warten wird? Egal, ich habe ja mein Fahrrad am Bahnhof: Kabelschloss entfernen, und ab geht's nach Hause. Dachte ich.

Aber da hing noch eine Sperre an meinem Fahrrad, so eine, die mir selber zu teuer gewesen wäre. Hätte ich den passenden Schlüssel mitgeliefert bekommen, wäre das ein willkomme-nes Geschenk gewesen. Aber es war keiner zu finden. Wie bringe ich das Ding nun auf? Natürlich war kein Fahrraddieb in der Nähe, der mir sein Werkzeug hätte leihen können.

Ich kam mir ziemlich bescheuert vor. Wer hängt eine so kostspielige Blockierung an ein fremdes Velo? Werde ich aus der Ferne vom Übeltäter beobachtet? Wenn nicht Schaden-freude, was hat er sonst davon? Rufe ich die Polizei? Die werden mir nicht glauben, ich glaube es selber kaum. Ein Diebstahl wäre mir in dem Moment fast lieber gewesen: Der Fall wäre klar, und ich hätte mich einfach ärgern können. Aber so? Ärgern, wundern, schmunzeln?

 

erschienen am 23. Februar 2009

 

 

 

 

 

 

 

Schnellimbiss

 

Viel Zeit habe ich nicht, bevor die Theatervorstellung beginnt. Aber ich bin hungrig. Schnell her mit einer Bratwurst, einem Hotdog oder einem Sandwich.

Ich entscheide mich für ein Sandwich. Ist rasch gegessen, und sollte die Zeit doch nicht reichen, kann ich den Rest in die Tasche packen. Ich mag simple Schinkensandwiches. «Ein Sandwich, bitte.» Die freundliche Bedienung: «White, Wheat, Honey Oat, Parmesan Oregano oder Vollkorn?» Ich bin einen Moment verwirrt und sage dann: «Egal!»

«Egal gibt es nicht, also – was möchten Sie?», bekomme ich zur Antwort. «Dann eben Vollkorn», sage ich, da ich mich nur noch an diese Sorte erinnere. Die Verkäuferin fragt: «Und welches Sub?»

Was zum Teufel ist ein Sub? «Was haben Sie denn?», frage ich. «Italian, Tuna, Subway Melt, Chicken Teriyaki...» – «Tuna, bitte!» Thon mag ich ja auch. Ist zwar weniger praktisch, und der meiner Tasche entsteigende Duft wird mir später peinlich sein. – «Und welchen Belag hätten Sie gern?» Belag? «Ist da nicht schon genug drauf?» Wieder meine Verlegenheitsfrage: «Was haben Sie?» – «Käse, Salat, Tomaten, Paprika, Zwiebeln, Gurken, Essiggurken, Oliven, Peperoni...» – «Gurken! Und, bitte, können Sie das Sandwich für mich aufheben – ich muss jetzt nämlich...»

 

erschienen am 23. März 2009

 

 

 

 

 

 

 

Kennen wir uns?

 

Wie es mir denn so gehe, fragte mich Mi­chael kürzlich per SMS. Ich kenne ihn seit meiner Jugend. Heute sehen wir uns allerdings nur noch an den Klassentreffen. An der letzten Zusammenkunft haben wir uns lange und angeregt unterhalten. Seither tauschen wir gelegentlich Mails aus.

Nun meldet er sich also auch noch per SMS. Natürlich simsle ich Michael zurück – dann er mir und ich wieder ihm. So geht das eine ganze Weile hin und her. Bis er mich eines Tages fragt, ob wir uns denn kennen würden, er erinnere sich nicht an mich.

Das ist also gar nicht «mein» Michael! Ob er denn nicht der Michael sowieso sei. Nein, er habe einen anderen Nachnamen. Nun, einen solchen Michael kenne ich tatsächlich nicht. Michael sieht das locker und schlägt ein Treffen vor. Ich überlege und finde tausend Gründe, ihn nicht kennenlernen zu wollen. Ein einziges Argument spricht dafür: Warum eigentlich nicht, was habe ich zu verlieren?

Schliesslich verabreden wir uns am Flughafen. Sein Flug gehe erst in drei Stunden, wir hätten also Zeit. Singapur? Wie lange denn? Für immer. Und ich merke, wie ich soeben etwas verliere, das ich gar nicht richtig gewinnen konnte. Ein Wiedersehen ist jedoch bereits eingeplant, und er wird mich vom Flughafen abholen – in Singapur.

 

erschienen am 20. April 2009

 

 

 

 

 

 

 

 

Stopp, Polizei!

 

Für Forschungsprojekte habe ich schon mehrmals Fussgänger befragt. Warum ich es immer wieder tue, frage ich mich al­lerdings. Denn mit «Ich bin in Eile», «Mein Zug fährt gleich» und Ähnlichem wendet sich jeweils ein Grossteil der An­gesprochenen kurzerhand ab. Verständnis zeigend, bleibt man dann mit seinen unbeantworteten Fragen stehen, schaut sich weiter um und geht freundlich lächelnd auf das nächste «Opfer» zu. Das «Entschuldigung, darf ich . . .» verfolgt mich dann meist noch die ganze darauffolgende Nacht.

Neulich ging es um die Befragung von Velofahrern. Da einem Velofahrer noch schneller entgleiten können und es wenig ratsam ist, sich ihnen in den Weg zu stellen, wurde die Aktion von örtlichen Polizeibeamten unterstützt. Und siehe da: Selbst die Eiligsten hatten plötzlich Zeit. Erleichtert darüber, dass sie nicht als Verkehrssünder aufgehalten worden waren, beant-worteten sie bereitwilligst meinen Fragenkatalog. Nach einem abschliessenden «Vielen Dank und gute Fahrt» wurde mir von meinem uniformierten Helfer schon der nächste Interview-partner zugewiesen. Mit einer solchen Ausbeute konnte ich noch nie nach Hause zurückkehren. Ob ich es bei der nächsten Umfrage mit meiner Uniform des Musikvereins versuchen sollte?

 

erschienen am 22. Mai 2009

 

 

 

 

 

 

 

Ursache und Wirkung

 

Gewissenhaft befolge ich den Hinweis: «Lesen Sie diese Packungsbeilage sorgfältig, bevor Sie das Arzneimittel einnehmen». Der Abschnitt über die Wirkungen ist schnell gelesen. Dann zu den Nebenwirkungen. Häufig komme es zu Depressionen, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit und Gelenkschmerzen.

Ich lege ein Schmerzmittel bereit und lese bei den gelegentlich auftretenden Nebenwirkungen weiter: «abnormales Sehen, Bronchialverengung, Blutgerinnsel, Verdauungsstörung, Aus-schlag».

Mir wird schlecht. Weiter warnt der Beipackzettel vor Schlafstörungen, Haarausfall, Tumoren und Schlaganfällen – dies alles trete jedoch nur selten auf. Und noch seltener: Atemlähmung, Verwirrtheit, Abnahme des Erinnerungs-vermögens und der geistigen Leistungsfähigkeit.

Und wer noch nicht genug hat: «Die Nebenwirkungen können stärker sein oder häufiger auftreten, wenn das Präparat über längere Zeit eingenommen wird.»

Schliesslich soll man auch noch als Testperson dienen: «Wenn Sie Nebenwirkungen bemerken, die hier nicht beschrieben sind, dann...» Da hätte ich allerdings etwas beizutragen: «Erin-nerungsverlust, was mir eigentlich fehlt, und Abneigung gegen die Einnahme dieses Medikaments!»

 

erschienen am 20. Juni 2009

 

 

 

 

 

 

 

Schöner dank Regen

Mit einem Lunchpaket ausgerüstet schickt uns der Seminarleiter an diesem Morgen auf die Reise. Allein losmarschieren, keine Verkehrsmittel benützen, alles ganz bewusst wahrnehmen heisst die Aufgabe.

«Geniesst die wärmende Sonne.» Mich fröstelt. «Spürt den Boden unter den Füssen.» Der Weg gleicht einem Bachbett, ich spüre die Nässe. «Riecht den Duft der freien Natur.» Kaffeegeruch wäre mir lieber. «Richtet den Blick auch mal nach oben.» Regen prasselt in mein Gesicht. «Sprecht mit niemandem.» Ich erwidere den Gruss eines Fremden. «Setzt euch hin, denkt an nichts Besonderes.» Ich stapfe voran und hoffe auf einen Unterstand. «Bringt ein kleines Symbol mit, das ihr am Wegrand findet.» Da, ein orangefarbener glänzender Stein. Schnell heb ich ihn auf – eine sinnbildliche Erklärung dazu wird mir bestimmt noch einfallen.

Am Abend sitzen wir dann zum Erfahrungsaustausch zusammen, ausgerüstet mit Wurzelteilchen, Ästchen, Blümchen und Ähnlichem. Mit meinem farblosen und matten Kiesel komme ich mir zunächst etwas hilflos vor. Etwas Spucke bringt dem Stein aber seine volle Pracht zurück. Und, als hätte ich es so eingeplant, ich habe ein symbolisches Beispiel dafür, wie schön die Natur im Regen doch sein kann!

 

erschienen am 16. Juli 2009

 

 

 

 

 

 

 

Ohne Hoffnung?

 

Wie oft lesen oder hören wir Sätze wie «Es besteht kaum mehr Hoffnung», zum Beispiel, dass jemand noch (lebendig) gefunden wird. Ist hier «Hoffnung» die richtige Wortwahl? Wenn kaum oder keine Hoffnung mehr besteht, warum suchen wir dann weiter? Wie sehr mögen Angehörige und Freunde hoffen, dass der oder die Vermisste doch noch gefunden wird, und zwar lebend. Wann ist unsere Hoffnung grösser als in einem solchen Fall? Die Wahrscheinlichkeit mag abnehmen – aber die Hoffnung?
Waren Sie schon mal «hoffnungslos verliebt»? Sie waren zwar verliebt, hofften aber nicht, dass der oder die Angebetete auch in Sie verliebt sei? Sie hofften auch nicht, dass sie beide zusammenkommen und zusammenbleiben würden? Sie hofften nicht, dass sie beide glücklich würden? Wie viel Hoffnung steckt doch gerade in der Liebe. Eine Liebe mag ohne reelle Chance erscheinen, aber begraben wir deshalb unsere Hoffnung?

Solange wir nicht die Gewissheit haben, positiv oder negativ, klammern wir uns doch förmlich an unsere Hoffnung. Nicht umsonst heisst es: «Die Hoffnung stirbt zuletzt.» Verbannen wir also das Wort «hoffnungslos» aus unserem Vokabular! Bin ich nun ein hoffnungsloser Fall? Nein, ich bin voller Hoffnung auf eine Welt ohne Hoffnungslosigkeit!

 

erschienen am 17. September 2009

 

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
   
   
 

Seite zuletzt bearbeitet: 05.11.2010

 

esther-salzmann@bluewinch