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Das leere Päckchen
Sie kennen die
Geschichte: der Vater öffnet das Päckchen, welches ihm seine kleine Tochter
unter den Christbaum gelegt hat. Die Schachtel ist leer, der Vater wütend:
«Da ist ja nichts drin!» – «Es ist etwas drin, es ist voll mit meinen Küssen
für Dich!», erklärt ihm das Mädchen, mit Tränen in den Augen. Der Vater ist
etwas beschämt und sehr gerührt. Und immer, wenn er jetzt traurig ist,
öffnet er die Schachtel und nimmt einen Kuss seiner Tochter heraus.
Nicht, dass Sie
jetzt alle leere Päckchen verschenken! Aber lernen können wir von dieser
Geschichte schon: Gibt es einen schöneren Liebes oder Freundschaftsbeweis,
als einen Teil von sich selber zu schenken? Es müssen ja nicht Küsse sein.
Vielleicht einfach ein bisschen Zeit – Zeit für einen Besuch, für einen
handgeschriebenen Brief (wie habe ich mich neulich über einen solchen
gefreut!). Eine Krawatte oder Pralinés sind zwar husch, husch gekauft – und
die Zeit drängt, schliesslich will diese Freundin und jener Bekannte auch
noch beschenkt werden. Bis das ganze Geld und die ganze (besinnliche!)
Vorweihnachtszeit aufgebraucht sind.
Aber: Gönnen Sie
sich doch selber etwas – Zeit für sich, für andere. Und Sie können sicher
sein: Ihre Gabe steht auf keiner Liste für «nutzlose Geschenke».
erschienen am 21. Dezember 2006
Trüber Sonntag
Sonntag. Sitze zu
Hause. Lese, höre Radio. Kann mich auf beides nicht richtig konzentrieren.
Trüb, neblig, kalt. Irgendwie kommt Langeweile auf. Dieses triste Wetter
aber auch immer! Da muss man ja miese Laune bekommen. Und plötzlich wird
meine Melancholie durch das Klingeln des Handys unterbrochen: «Was machst
Du bei diesem Prachtswetter?», fragt am anderen Ende meine liebe Freundin.
«Prachtswetter? Machst Du Witze?» «Nein, sitze hier auf einer wunderbaren
Sonnenterrasse, schaue in die Berge und geniesse das Leben. Komm doch auch!»
So schnell hatte
ich meine sieben Sachen noch nie zusammen. Nichts wie los! Und es wurde
wirklich ein prachtvoller Tag. Die Sonne schien vom stahlblauen Himmel,
wärmte uns so schön von aussen auf (auch für eine Erwärmung von innen war
gesorgt…), und unser Blick schweifte über das herrliche Nebelmeer im
Unterland!
Am Montag dann im
Büro: «Na, was habt Ihr am gestrigen Sonnentag unternommen?» Keine
Reaktion. Die dachten wohl alle, ich hätte mal wieder einer meiner ironisch
gemeinten Sprüche gemacht. Also keine und keiner ging raus. «Ha», denke
ich, und im Gesicht brennt noch die sonntägliche Sonne, «selber schuld,
unternehmt doch was! Einfach nur jammern bringt ja nichts.» Wenn sie
wenigstens gejammert hätten …!
erschienen am 8. Januar 2007
Sale zäme!
Ist es nicht
nett, wie uns im Moment die Verkaufsläden überall mit einem freundlichen
«Sale» begrüssen? Etwas salopp ist es zwar schon, dieses «Sale» – warum
nicht einfach «Grüezi? Nun, «Sale» ist auch recht, besser als nichts.
Schliesslich sind wir jung (na ja!), dynamisch und allzeit offen für Neues!
Ein einmaliges
«Sale» würde mir persönlich allerdings genügen; es wirkt schon beinahe
etwas aufdringlich, wenn es uns auch im Ladeninnern und selbst auf
Preisschildern immer und immer wieder zugerufen wird. Als gut erzogene
Konsumentin sage aber ich stets tapfer: «Sale, salü, hallo, du prall
gefülltes Kleidergestell, du liebliches Blüschen, du kuscheliger
Pullover».
Eine nette Geste
ist übrigens auch, dass gleichzeitig eine ganze Anzahl Artikel zu
verbilligten Preisen angeboten werden. Ob diese beiden Aktionen in einem
direkten Zusammenhang stehen? Jedenfalls sage ich auch da: «Sale, du
preiswertes Angebot!»
Mit dem «Sale«
kann ich also sehr gut leben, aber was meinen die Läden mit «Reduziert«
oder «Alles muss weg»? Wer ist da reduziert, wer muss da weg? Ich etwa? Das
lass ich mir nicht gefallen. Ich bin ja nicht blöd! Dann gehe ich allemal
lieber in einen Sale Laden!
Sale zäme!
erschienen am 15. Januar 2007
Walliseller Chatz
«Aa zelle Bölle
schelle, d’Chatz gaht uf Walliselle, chunt si wider hei, hät si chrummi Bei,
piff paff puff und du bisch ehr und redlich duss.» Und wenns nicht so
aufgeht, wie man das möchte (so haben wir das früher jedenfalls
gehandhabt), so kann man unendlich wiederholen: «… und du bisch ehr und
redlich duss».
Wir alle kennen
diesen Abzählreim. Aber woher kommt er? Warum geht da eine Katze nach
Wallisellen? Was will sie dort? Warum kommt sie mit krummen Beinen zurück,
was ist dem armen Büsi zugestossen? Und wozu hat man die Zwiebeln
geschält? Was wurde aus ihnen? Gab es eine feine Zwiebelsuppe? Wer durfte
sie geniessen? Fragen über Fragen!
Warum geht nicht
ein Mensch, zum Beispiel der Hans, irgendwohin, vielleicht nach Glattbrugg?
Das könnte dann so gehen: «Sigg, sagg, sugg, de Hans gaht uf Glattbrugg,
chunt er wider hei, macht sini Frau en suure Stei, sigg, sagg sugg und du
bisch ehr und redlich duss.» Sicher, es gäbe noch unzählige weitere
Beispiele für solche Reime. Umso mehr frage ich mich: Wie kommt man auf die
Zwiebeln, auf die Katze, auf Wallisellen, auf die krummen Beine?
Kennt jemand die
Antworten auf all diese Fragen? Aa zelle Bölle schelle… und ich bi ehr und
redlich, ehr und redlich, ehr und redlich duss!
erschienen am 30. Januar 2007
Griff ins Leere
Ohne Kaffee am
Morgen läuft bei mir gar nichts. Ein Morgenmuffel bin ich jedoch
keinesfalls. Beim Klingeln des Weckers, manchmal schon vorher, jucke ich
aus dem Bett, in freudiger Erwartung, was der neue Tag bringen möge. Bald
schon aber brauche ich neben körperlicher auch geistige Nahrung: meine
Zeitung. Welche Enttäuschung, wenn ich dann in den leeren Zeitungskasten
greife. Sicher liegt sie wieder unter Verschluss im Briefkasten. Eine
Zeitung gehört doch nicht in den Briefkasten! Vielleicht ein neuer
Verträger, der es eben anders macht. Hauptsache Zeitung. Aber auch im
Brieffach greife ich ins Leere. Und es ist doch schon fast halb sieben,
eine halbe Stunde später als sonst. Erwartungsvoller Blick die Strasse hoch
und runter: niemand zu sehen.
Ob wohl der
Nachbar …? Schnell ein verstohlener Blick in seinen Kasten: Da liegt
tatsächlich eine schöne, dicke Zeitung. Was wohl alles drinsteht? Es juckt
mich sehr in den Fingern, aber ich reisse mich dann doch zusammen, lasse ihm
schliesslich neidvoll seine Morgenlektüre und schleppe mich wieder die
Treppe hoch. Was für ein Elend, was für ein schlechter Start in den Tag.
Wenn ich bloss wüsste, wann er aufsteht, dann könnte ich vorher doch ganz
vorsichtig … Ohne Zeitung am Morgen läuft bei mir nämlich gar nichts!
erschienen am 2. März 2007
Hallo, Oma!
Schiebe den
störrischen Einkaufswagen durch die engen Gassen im Supermarkt und arbeite
meine lange Einkaufsliste ab. Plötzlich höre ich eine Frauenstimme rufen:
«Hallo, Oma!» Arme Frau, hat ihre Oma verloren. Weiss gar nicht, wen ich
mehr bedauern soll. Die Rufende oder die Gerufene? Um die Oma mach ich mir
schliesslich doch mehr Sorgen. Wer weiss, wie alt, wie hilflos sie ist.
Vielleicht ist sie längst nicht mehr im Laden, irrt auf der Strasse umher.
Da tönt es schon wieder: «Hallo, Oma!» Ich kann mich kaum mehr auf meine
Einkäufe konzentrieren. Halte Ausschau nach einer älteren Dame. Aber da
springt nur ein Frechspatz von kleinem Mädchen durch die Regalreihen.
«Hallo, Oma!», höre ich schon wieder. Die Arme ist also noch immer nicht
aufgefunden. Am Ende ist sie eine vermögende Dame, und man hat sie entführt!
Sollte man die Polizei rufen? Aber ich muss weiter, kann mich schliesslich
nicht um alles kümmern, geht mich ja nichts an.
Habe endlich
meine Einkäufe zusammen. Hinter mir in der Warteschlange vor der Kasse steht
eine jüngere Frau, an der Hand hält sie die kleine Göre von vorhin. Das
Mädchen reisst sich los und verschwindet hinter dem nächsten Regal. Jetzt,
aus der Nähe, verstehe ich, was ihr die Mutter wirklich nach ruft:
«Paloma!». Wie bin ich doch froh für die Oma!
erschienen am 10. April 2007
Schöne Vorstellung
Sei es im Theater
oder an einem Konzert: der grösste, langhalsigste, korpulenteste,
krausköpfigste und unruhigste Mensch im ganzen Saal sitzt garantiert gleich
vor mir. Was muss ich mich da jeweils recken und strecken, mich mal nach
rechts, dann wieder nach links lehnen. Die reinste Turnstunde! Folge:
Genickstarre und Muskelkater am nächsten Tag. Eigentlich sollte es gleich
nach der Garderobe zum Massnehmen gehen. Die Besucher würden dort
vermessen, nach Höhe und Breite sortiert und dann nach einem sorgfältig
ausgeklügelten Plan auf die Sitzplätze verteilt: Zwerge vorne, Riesen
hinten. Voluminöse Haartrachten müssten zudem noch mit einer satt
anliegenden Badekappe (vornehmer als Kulturkappe bezeichnet) gebändigt
werden. Zudem würden sich bestimmt auch die Darstellerinnen und Darsteller
auf der Bühne freuen. Endlich könnten sie ungehindert in all die Gesichter
im Publikum sehen. Klein und schmal wie ich bin, hätte ich so sogar gute
Chancen, künftig in jeder Vorstellung in der ersten Reihe sitzen zu
dürfen; angemessen wäre es jedenfalls. Meine Forderung nach einer
Kulturkappe würde ich dann allenfalls sogar zurückziehen. Endlich keine
körperlichen Beschwerden mehr am nächsten Tag. Welch schöne Vorstellung!
erschienen am 21. April 2007
Du, Papi
Im Zugabteil
neben mir: Der kleine Blondschopf quetscht seinen Papi aus, will von ihm
zunächst wissen, was denn so eine Sitzbank koste, und dann, wie viel das
ganze Abteil. Ob er mit dem Betrag, den ihm sein Vater schliesslich für den
kompletten Zug genannt hat, was anfangen kann? Sicher weiss er, dass es
sehr, sehr viel Geld ist und es wohl kaum etwas Teureres gibt. Für eine
Weile will er keine Preise mehr wissen, drückt seine Nase ans Fenster und
schaut sich sichtlich interessiert die vorüberziehende Landschaft an.
Und dann: Du,
Papi, was kostet die ganze Welt? Statt irgendeine Fantasiesumme zu nennen,
erklärt ihm der kluge Vater ruhig, dass die Welt unbezahlbar sei und dass
wir ihr deshalb besonders Sorge tragen sollten. Das leuchtet dem Kleinen
ein, er stimmt dem Vater zu und ist beeindruckt – ich auch. Während ich und
vermutlich auch der Papi und vielleicht weitere Zugspassagiere noch über
die Welt sinnieren, sagt die feine Knabenstimme: «Du, Papi, gäll de
Liebgott cha nöd stärbe, er isch ja scho im Himmel.» Dieser kleine Bub
fordert mich ganz schön mit seinen kindlichen Gedankengängen. Kindlich?
Ich wollte, wir Erwachsenen würden uns öfters solche Fragen stellen.
Zumindest an diesem Tag habe ich es gemacht, dank dieses kleinen Jungen!
erschienen am 8. Mai 2007
Deutsch(ex)kurs
Die neue deutsche
Rechtschreibung hat es mir nicht gerade angetan. Seit ich, dank der Reform
von der Reform, jedoch nicht mehr allein stehend, sondern wieder
alleinstehend bin, kann ich mich eher damit abfinden. Manchmal stehe ich
zwar ganz gerne alleine: Vor einem Schalter ist das sehr angenehm! Ich, die
Schlange… Ein Sprachproblem, mit dem ich vermutlich nicht allein stehe,
birgt dieser Satz: «Hunderte von Zuschauerinnen und Zuschauer säumten die
Strasse und jubelten den Läuferinnen und Läufern zu, die im Zielraum von
ihren Partnerinnen und Partnern erwartet wurden.» Allzu häufig wird in
solchen Fällen die Form «LäuferInnen» verwendet. Grammatik ade! Beim Lesen
von solchen Gebilden recke ich jeweils beim «I» den Hals und hebe die
Stimme an. Mit der Schreibweise «Läufer/-innen» lösen sich die Probleme auch
nicht. Beliebt ist die Endung «-ende». «Zuschauende» geht, «Laufende»
klingt gesucht, aber «Partende» geht definitiv nicht. Partnerinnen und
Partner lassen sich irgendwie nicht vereinen – ausgerechnet!
Am
einfachsten wäre es, wenn Männlein und Weiblein klar getrennt unter sich
blieben. Sprachlich, und auch sonst, hätten wir dann vielleicht weniger oder
zumindest andere Probleme. Andererseits gäbe es vermutlich mehr «Alleinsteh-ende».
erschienen am 21. Mai 2007
Drei Frauen am Boden
Einen
Einzelsitzplatz gleich bei der Tür habe ich mir im Tram ergattern können.
Schön, so kann ich mich ungestört meiner Morgenlektüre hingeben. Dachte ich
zumindest. Haltestelle. Die Türen gehen auf, Leute steigen aus, steigen
ein. Dann kracht es gleich neben mir: Eine ältere Dame mit ihren drei
Einkaufstaschen liegt auf dem Tramboden. Sie ist beim Einsteigen
gestolpert. Peinlich, aber kann uns schliesslich allen Mal passieren.
Abwarten.
Die Dame kommt
alleine nicht mehr hoch, also: aufstehen, Türknopf drücken, der Frau unter
die Arme greifen, um ihr auf die Beine zu helfen. Sie ist aber zu
gewichtig, keinen Millimeter bringe ich sie hoch. Eine ebenfalls
herbeigeeilte Frau packt mit an, keine Chance! Das Tram setzt ruckartig zur
Weiterfahrt an: Ich gerate unter – nein, nicht die Räder – die beiden
Frauen. Keuch! Und hilfesuchende Blicke nach starken Männern. Aber die
denken wohl alle, dass wir drei Frauen uns einfach so zum Spass auf dem
Tramboden wälzen.
Schliesslich doch
noch: Ein reiferer Gentleman erbarmt sich unser. Mit seiner Hilfe kommen wir
alle wieder auf die Beine und auf unseren Sitzplatz. Danke, mein Herr, ohne
Sie hätte ich meinen Respekt vor dem «starken» Geschlecht wirklich verloren!
erschienen am 15. Juni 2007
Ich mag euch
Studien zeigen:
Die Zürcher (alle -innen sind hier und nach-folgend jeweils eingeschlossen)
mögen die Berner, aber die Berner mögen die Zürcher nicht. Ich bin Bernerin.
Ich bin Zürcherin. Ich bin Doppelbürgerin. Als Zürcherin mag ich die Berner.
Liege damit voll im Trend. Als Bernerin mag ich die Zürich. Trend hin oder
her. Selbst die Schwamendinger können mich nicht abschrecken, obwohl oder
gerade weil ich dort aufgewachsen bin. Ich mag die Städter, die Oberländer
und – natürlich – auch uns, die Unterländer. Ich mag aber auch die
Aargauer, die Basler, die Thurgauer, die Bündner, die Tessiner und… Ich
mag grenzenlos, regions- und kantonsübergeifend. Und ich kann sogar die
Sympathie der Deutschen unserem Schweizervolk gegenüber erwidern. Ja, ich
mag die Deutschen, wie auch die Österreicher, die Italiener, die Franzosen
– alle Europäer. Bin ja selber eine von diesem Kontinent. Ich mag die
Asiaten, die Afrikaner, die Australier und auch die Amerikaner im Norden und
im Süden. Bin ja selber eine von dieser Welt. Was ich nicht mag, sind
Pauschal- und Vorurteile. Wie an der Glatt gibt es auch am Mekong und
anderswo solche und andere. Und wenn ich jemanden mag, dann nicht, weil er
oder sie von hier oder von dort kommt, sondern weil er oder sie eben er oder
sie ist. So einfach ist das.
erschienen am 2. Juli 2007
Fahrt ins Blaue
Halb zwölf Uhr.
Magen knurrt schon. Kühlschrank leer, also nichts wie los zum Einkaufen.
Doch sonderbar, dass mich mein Auto heute nicht fröhlich mit den Lichtern
blinkend begrüsst. Warum reagiert die mit dem Schlüssel gesteuerte
Zentralverriegelung nicht? Leider nicht nur die: Keinen Wank macht mein
Gefährt. Innenlicht brennen lassen. Batterie auf dem Nullpunkt. Magen
knurrt noch mehr. Pannendienst anrufen.
Eine halbe Stunde
später ist die Rettung da. Wagen springt brav an. «Jetzt fünfundvierzig
Minuten fahren», empfiehlt der freundliche Helfer. Magen knurrt immer
lauter, aber ich habe keine Wahl. Es ist ein wunderschöner, sonniger Tag.
Hätte ich ohne das Malheur vermutlich gar nicht beachtet. Also fahre ich
gemütlich – muss ja nirgendwo hin – über Eglisau nach Rafz und stehe
plötzlich an der Grenze. Ins Ausland? Nein! Kehrtwendung. Hoffentlich
denken die Zollbeamten jetzt nicht, dass ich Reissaus nehmen will.
Ängstlicher Blick in den Rückspiegel: Kein Verfolger in Sicht. Fahre weiter
durch wunderbare Landschaften. Magen knurrt mit Motoren-geräusch um die
Wette. Wie lange bin ich jetzt schon unterwegs? Ob sich die Autobatterie
schon genügend aufge-laden hat? Meiner eigenen Batterie tut dieses
unvor-hergesehene Ausfährtchen jedenfalls gut.
erschienen am 20. Juli 2007
Tante Olga kauft ein
Tante Olga hat
mit ihrem Mann vier Kinder grossgezogen. Finanziell waren die beiden nie auf
Rosen gebettet. Olga musste stets sehr haushälterisch mit den bescheidenen
Familieneinkünften umgehen. Inzwischen sind die Kinder längst ausgeflogen,
leben alle in anderen Landesteilen oder im Ausland. Tante Olgas Mann ist
vor einigen Jahren verstorben. Olga lebt heute allein in ihrem schlichten
Häuschen. Ab und zu kommt Besuch, aber zu ihrem Bedauern eher selten. Nichts
ist mehr wie früher. Doch, etwas ist geblieben: ihre Einkaufsgewohnheiten.
Olga erstellt ihre Besorgungsliste nach wie vor fast ausschliesslich
aufgrund der Zeitung: Sonderangebot hier, Aktion dort. Zwanzig Cervelats,
zehn Bratwürste, Fleisch kiloweise… Aber Tantchen, was machst du mit all den
Köstlichkeiten? Wer soll all das Zeugs essen? Kann man alles einfrieren.
Ja, schon, aber für wen denn? Die Tiefkühltruhe ist schon beinahe randvoll,
Tantchen kauft weiter. Olga bräuchte dringend mal eine
Tiefkühltruhen-Aktion. Ich werde mich jedoch davor hüten, sie auf diesen
Expansions-Gedanken zu bringen! Meine Idee geht eher in Richtung Tante-Olga-Laden: mit dem Verkauf von einzelnen Cervelats, Bratwürsten und
Koteletten an Leute, die (auch) nicht mehr brauchen, könnte sie sowohl
ihren Besucher als auch den Lagerumschlag ankurbeln.
erschienen am 3. August 2007
Mit sonnigen Grüssen
Der Hilde will
ich unbedingt schreiben. Kann ihr bei dieser Gelegenheit gleich für ihre
kürzlich eingetroffene Ansichtskarte danken. Wo war sie schon wieder? Kenia?
Nein, das war Dora. Genau, der Dora will ich auch einen Gruss zukommen
lassen. Habe ich ihre neue Adresse? Bülach? Nein, in Büli ist ja Katrin zu
Hause. Wie es Katrin wohl geht? Habe lange nichts von ihr gehört. Grund
genug, mich bei ihr zu melden. Wenn ich der Katrin schreibe, so darf ich
natürlich Silvia nicht auslassen. Silvia hat sich neulich von Marcel
getrennt. Marcel werde ich auch Grüsse senden. Auch Susi werde ich
berücksichtigen. Und Hilde spricht ja sicher mit Gabi. Ja, die Gabi werde
ich ebenfalls anschreiben. Helga wird aber vergeblich auf Post von mir
warten müssen! Von ihr habe ich noch nie einen Kartengruss erhalten.
Andererseits, wie heisst es doch? «Willst du einen Brief, so schreibe einen
Brief». Ich werde also selbst für sie eine Karte aussuchen und ein paar
Worte darauf kritzeln.
Habe mich so auf
diesen Urlaub gefreut. Aber jetzt frage ich mich, ob mir vor lauter
Kartenschreiberei noch Zeit bleiben wird, Land und Leute kennen zu lernen
und mich zu erholen. Hätte ich bloss diese Reise nicht gebucht! Von zu Hause
müsste ich niemandem schreiben. Warum eigentlich nicht? Sonnige Grüsse aus
Opfikon!
erschienen am 11. August 2007
Pakete kommen an
Pakete kommen an:
diesem Slogan des gelben Riesen kann ich nur beipflichten. Da finde ich
doch beim Heimkommen ein Paket vor der Wohnungstür. Nanu, denke ich. Habe
ich mal wieder was bestellt und erinnere mich nicht mehr daran? Den
Absender, eine Kosmetikfirma aus dem Nachbarort, kenne ich zwar, aber eine
so grosse Sendung kann ich mir wirklich nicht leisten! Die Mittelchen in
all den Tübchen und Döschen versprechen mir eine straffe, junge Haut, ein
strahlendes Gesicht Schön. Passt gut. Aber warum gleich so viele Produkte?
Muss mich beim Bestellen sehr alt gefühlt haben. Oder hat mir da jemand
einen Streich gespielt, will mir einen Wink geben? Mein Mail an den
Absender wird sehr speditiv beantwortet. Es handle sich um einen Irrtum,
ich solle entschuldigen. Die Produkte dürfe ich behalten und die Rechnung
vernichten. Das ist aber nett – danke schön! Solcherlei Pakete können noch
mehr kommen, die kommen bei mir an! Habe mit der Jungbrunnenkur zwar noch
nicht angefangen, aber wenn sie demnächst jemanden wie mich sehen und
zweifeln, ob es sich wirklich um mich handelt oder um meine jüngere
Schwester oder gar um meine Tochter, dann kann ich ihnen jetzt schon
versichern: ich bin es, ich habe weder eine Schwester noch eine Tochter!
erschienen am 8. Oktober 2007
Mittel gegen Selbstmitleid
Nein, bleiben Sie
ruhig sitzen. Im Stehen gehe es ihr besser, erklärt mir die ältere Dame, die
eben vornübergebeugt und mühsamst in den Bus eingestiegen ist. Unsicher hält
sich die Frau auf den Beinen, sich mit einer hand zittrig auf ihren Stock
stützend. Ihr Rücken sei kaputt, es werde immer schlimmer, niemand könne ihr
mehr helfen. Das Leben sei gelaufen. 77 sei sie zwar schon. Na, das ist
doch… versuche ich zu entgegnen. Man wisse halt nie, was auf einen zukomme.
Ein Leben lang sei man für andere da gewesen, und dann das. Ja, man wisse
wirklich nie, bekräftige ich. Und ich sitze hilflos vor ihr. Möchte die Frau
am liebsten auf die Knie nehmen. Tue ich dann aber doch nicht. Möchte sie am
oder in den Arm nehmen, sie irgendwie stützen. Tue ich dann aber doch nicht.
Schlafen könne sie kaum noch. Sie habe zwar ein Kissen, das sie sich unter
die Beine legen könne, dann gehe es – aber meist könne sie nicht vor drei
Uhr einschlafen. Das Liegen sei eine Qual. Sie versucht, ihre Tränen
zurück-zuhalten.
Und ich wollte
heute Morgen wegen meines ach so starken Schnupfens und Hustens nicht zur
Arbeit gehen. Bin dann doch gegangen. Bin froh, denn sonst hätte ich diese
Frau nicht getroffen und würde wohl nun zu Hause vor mich hin leiden, mich
bemitleiden und mich nicht einmal dafür schämen.
erschienen am 7. Dezember 2007
Die neue Agenda
Es ist Zeit, gute Vorsätze fürs
neue Jahr zu fassen. Verschiedene Gewohnheiten habe ich, die es abzulegen
gäbe. Wirklich ändern möchte ich im neuen Jahr mein Zeitmanagement. Mehr
Zeit für soziale Kontakte, mehr Zeit für meine Freunde. Eine Agenda 2008
habe ich mir längst besorgt. Nun gilt es, meine Tage einzuteilen. Montag:
Kino (fünf Franken!). Dienstag: Fitness. Donnerstag: Yoga. Freitag:
Russisch. Wochenende: Das gehört meiner Familie, und am Sonntagabend stehen
zudem Rosamunde Pilcher oder der «Tatort» auf dem Programm. Mittwoch! Am
Mittwoch habe ich tatsächlich nichts los. Halte mir den Mittwoch also frei.
Das muss schliesslich auch Platz haben: Zeit für spontane Verabredungen.
Mittwoch ab 18 Uhr bin ich also verfügbar! Ist doch cool: Will ich mich mit
einer Kollegin verabreden, kann ich in Zukunft ganz spontan den Mittwoch
anbieten! Muss ich gleich ausprobieren.
Nein, am Mittwoch könne sie
unmöglich, das sei der einzige Wochentag, an dem auch ihr Freund frei habe,
erklärt mir meine erste Probandin. So was von unflexibel, wo bleibt die
Spontaneität? Die Woche hat einfach zu wenige Tage! Gibt es eine Lösung?
Wir könnten im neuen Jahr mehr gemeinsam unternehmen: Kino, Fitness, Yoga,
Sprachkurs. Wir nehmen es uns fest vor.
erschienen am 27. Dezember 2007
Einsame Tierherzen
Wir Menschen haben es ja gut.
Wenn wir uns einsam fühlen, können wir uns mit Hightech Spielzeug trösten.
Sie erinnern sich an das Tamagotschi? Es war in der zweiten Hälfte der
1990er Jahre weltweit überaus populär. Ein virtuelles Küken, um das man sich
vom Zeitpunkt des Schlüpfens an wie um ein echtes Haustier kümmern muss. Das
Spielzeug hat Bedürfnisse wie Schlafen, Essen, Trinken oder Zuneigung und
entwickelt gar eine eigene Persönlichkeit.
Nun gibts Paro, eine kuschelige
Baby Robbe. Geboren oder besser gesagt erfunden wurde Paro – natürlich –
in Japan. Paro soll in Krankenhäusern, Altersheimen und überall dort zum
Einsatz kommen, wo Haustiere verboten sind. Fünf Sensoren im Innern sorgen
dafür, dass das Plüschtier fast wie ein Lebewesen auf sein Umfeld reagiert. Paro kann strahlen, wenn er zufrieden ist, er kann aber auch ein richtiges
Biest sein, wenn er schlecht behandelt wird.
Wie gesagt, wir Menschen haben
es gut. Denkt aber auch mal jemand an die zahlreichen herrenlosen Katzen,
Hunde und andern Haustiere auf der Strasse und in den Tierheimen? Bräuchten
die nicht auch einen Ersatz? Einen virtuellen Menschen, der ihnen Disziplin
beibringt und sie mit Streicheleinheiten belohnt? Einen mit Sensoren?
erschienen am 5. Januar 2008
«Isch da no frei?»
Im Bus, Tram und Zug fällt mir
unangenehm auf, wie viele Leute ganz selbstverständlich zwei bis drei
Sitzplätze in Beschlag nehmen – während der Hauptverkehrszeiten,
wohlverstanden. Und keiner käme auf die Idee, die Tasche, den Rucksack oder
die Beine vom Sitz gegenüber weg zu nehmen, um neu Zugestiegenen eine
Sitzgelegenheit zu geben. Auf den freien Platz am Fenster hinüber zu
rutschen ist verpönt. Schliesslich will man beim Aussteigen nicht über
Sitznachbarn klettern müssen. Sollen doch die andern! Einmal sitzend, stellt
man sich am beten schlafend oder in eine Zeitung vertieft.
Nach der zumeist überflüssigen
Fragen «Isch da no frei?» stemmt man sein Gepäck hoch, balanciert sich über
die Sitzenden und quetscht sich in den freien hinteren Sessel oder in das,
was einem davon überlassen wird. Und bedankt sich dann womöglich auch noch
für das gewährte Gastrecht. Beine immer schön angezogen, um das Gegenüber
ja nicht zu stören.
Endlich kann man sich dann in
die Zeitung vertiefen. Wenn man Glück hat. Aber meist muss ja irgendjemand
irgendjemandem irgendetwas per Handy mitteilen. Seine Ankunft ankündigen,
sagen, dass er zur Zeit komme oder eben nicht und warum nicht.
Wo sonst kommt man sich so
schnell so nahe?
erschienen am 21. Januar 2008
Urin stinkt
Ich liebe die sprachliche
Vielfalt! Besonders gefallen mir Wortspiele, wie sie gerne von
Verkaufsläden verwendet werden. Ein Delikatessen Geschäft wirbt
beispielsweise mit «delikat essen» oder ein von einem Huber betriebenes
Fachgeschäft für Flugzeugmodelle tritt mit dem Namen «HubAir» auf.
Beim Restaurant Aushang:
«Durchgehende warme Küche» mache ich mir so meine Gedanken und stelle mir
die durch das Gebäude langgezogene, schweisstriefende Küche vor … Oder bei
einem Modegeschäft mit der Beschriftung: «Andauernd die neusten Modelle»
frage ich mich, wie sich diese beiden Begriffe vertragen: Was ist schon
andauernd das Neuste?
Sehr schön sind gewollte oder
ungewollte «Wortspiele». Wenn zum Beispiel ein Imbissstand mit «Take a way»
wirbt: Soll ich nun einen Imbiss kaufen und mitnehmen (take away) oder soll
ich – hungrig und ohne Imbiss – gleich einen Weg einschlagen (take a way)? –
Wenn letzteres gemeint ist: warum schreiben die nicht gleich an: «Keep away!»
(halten Sie sich fern!)? Verwirrend oder amüsant können auch gewisse
Worttrennungen sein. Wie trennen Sie das Wort «Urinstinkt»? «Ur-instinkt»
oder «Urin-stinkt»? (Grammati-kalisch sind beide Varianten möglich!)
Ich liebe die sprachliche
Vielfalt! Verstehen Sie das?
erschienen am 22. Februar 2008
Alt oder
älter?
Wäre ich ein Jahr später geboren worden, so
könnte ich in diesem Jahr meinen 14. oder – den Tag der Geburt mit
berücksichtigt – meinen 15. Geburtstag zelebrieren. Dem ist aber nicht
so. Ich wurde ein Jahr zu früh gezeugt. Am nächsten Samstag habe ich daher
meinen 40. Geburtstag – wenn man den Tag der Geburt und die Schaltjahre
nicht mitzählt! Schaltjahre und Geburtstag mitgerechnet, ist es mein 54.
Jahrestag. Kurzum, ich werde am Samstag 53 und stehe dann im 54. Lebensjahr.
Wie verwirrlich das doch alles ist!
Nun, jung bin ich definitiv nicht mehr.
70 Jährige sehen das jedoch anders – wie fühle ich mich da jeweils
geschmeichelt! Bin ich für sie nun aber eine «junge»
oder eine «jüngere» Person? Eigenartig: «Jünger» ist doch die Steigerung von
«jung», und doch ist «jung» jünger als «jünger» und «älter» jünger ist als
«alt». Oder wer ist jeweils jünger: eine junge oder eine jüngere, eine reife
oder eine reifere, eine gesetzte oder eine gesetztere, eine alte oder
eine ältere Person?
Jugendliche machen es sich da mit dem
Ausdruck «Grufti» einfacher. Bin ich nun aber ein «Grufti», eine laut
Wikipedia «ältere Person ausserhalb des Jugendalters, die sich oftmals
Neuerungen des alltäglichen Lebens verschliesst und daher als altmodisch
empfunden wird»?
erschienen am 29. Februar 2008
Gewichtige Probleme
Übergewichtige Kinder, Jugendliche,
Erwachsene – offenbar ein Problem unserer Gesellschaft. Ich gehöre
diesbezüglich entschieden einer Minderheit an. Einer benachteiligten
Minderheit! Mein Problem: Untergewicht. Mein Body Mass Index (BMI) erreicht
nicht mal denjenigen eines 5 jährigen Mädchens. BMI? Der errechnet sich so:
Körpergewicht, dividiert durch Körpergrösse im Quadrat. Das ergibt bei mir
gerade mal einen Wert von 16. Ein durchschnittliches 5 jähriges Mädchen
erreicht einen BMI von 17,4. Ich soll einfach mehr essen, meinen Sie? Das is(s)t einfacher gesagt als getan. Zunehmen, so liess ich mir von einer
Ernährungsberaterin sagen, sei noch schwieriger als abnehmen. Ich kann es
nicht beurteilen, musste noch nie abnehmen.
Benachteiligt fühle ich mich deshalb, weil
die Einkaufsgestelle voll sind mit kalorienarmen und fettarmen Produkten. «Léger»,
«light»… und wie die Bezeichnungen alle heissen. Ich aber bräuchte «extra heavy» und «extra kalorienreich»! Ich soll einfach mehr zu mir nehmen? Gut,
ich mache mich gleich hinter eine Schachtel Pralinen – die sind garantiert
nicht kalorienarm! Und vielleicht bringe ich morgen schon 100 Gramm mehr auf
die Waage. Für andere wäre das ein Tiefschlag, für mich ist’s Anlass für
einen Freudensprung. So ungerecht ist die Welt!
erschienen am 11. März 2008
Hosenboden auf Kniehöhe
Männer, ihr geht manchmal
schon etwas weit, zu weit! Ich bewundere zwar eure Technik. Die mit den
Hosen. Mit den halb heruntergelassenen Hosen. Ein bisschen blutte Haut mag
ja noch sexy sein, aber wehe, ihr müsst euch bücken: eure Fudispalten auf
der Strasse, im Tram oder sonstwo ansehen zu müssen, stösst mich ab. Oder
bin ich prüde? Warum meinten wir einst, einen Gürtel oder Hosenträger oder
gar beides zu brauchen? Heute hängt man wohl eher Gewichte an die
Hosenbeine. . .
Wenn bloss einem von euch mal
die Hose ganz runterrutschen würde, so in aller Öffentlichkeit, das würde
mich echt befriedigen. Nicht so, wie ihr vielleicht denkt! Nein, ich hätte
einfach Schadenfreude, Schadenfreude darüber, dass eure Technik doch
nicht so ganz funktioniert. Und bewiesen wäre damit, dass man die Mode auch
übertreiben kann! Also, hört auch auf eure Mütter, die sagen: «Ist doch
ungesund, erkältest dich doch!».
Auch wenn ich hier von
Männern – jungen Männern – spreche, die Mädchen machen es nicht besser. Im
Gegenteil! Sie tragen dazu noch so kurze Shirts: nabelfrei ist angesagt –
«mein Bauch gehört mir!» Ja, sicher, aber bedenkt: nicht nur das straffe
Bäuchlein von heute, auch das schmerzende Becken von morgen gehört euch!
erschienen am 22. März 2008
Winterzeit, Sommerzeit
Alle sechs Monate die gleiche
Diskussion mit meiner Freundin: Gewinnen oder verlieren wir durch die
Zeitumstellung? Wie mans nimmt. «Endlich kommt die Sommerzeit, da hat man
wieder längere Abende!» – «Warum werden denn die Abende länger?» – «Na, weil es
um 22 Uhr noch hell ist.» – «Ja, aber 22 Uhr ist eigentlich erst 21 Uhr,
daher ist es um diese Zeit noch heller als während der Winterzeit. » –
«Eben, wir gewinnen eine Stunde, das ist doch schön!» – «Wir gewinnen nicht,
wir verlieren!» – «Aber, wenn es um 22 Uhr noch hell ist, dann können wir
doch eine Stunde länger aufbleiben!» – «Bist du eine Sonnenuhr? Zählst die
heiteren Stunden nur?» – «Vergiss die Nacht vom Samstag auf den Sonntag
nicht: Um 2 Uhr springt der Stundenzeiger auf 3 Uhr, wir können also eine
Stunde weniger schlafen! Und: Am Sonntagmorgen ist es dunkler als am Samstag
um die gleiche Uhrzeit. Wo bleibt da der Gewinn?» – «Versteh ich nicht, wenn
ich um 11 Uhr aus den Federn krieche, ist es hell, egal ob Samstag oder
Sonntag, Sommer oder Winterzeit.»
Nun, diesem Argument ist nur
schwer zu widersprechen. Wie dem auch sei: Am kommenden Wochenende wird die
Uhr um eine Stunde vorgestellt. Wir verlieren eine Stunde Dunkelheit und
gewinnen eine Stunde Helligkeit. Alles klar?
erschienen am 29. März 2008
Hopp Schwiiz!
Als Fussballmuffel wusste ich
es ja nicht. Aber im Internet kann man es auf die Sekunde genau nachverfolgen. In 46 Tagen wird in Basel das erste Spiel der Euro 08
angepfiffen. Schweiz gegen Tschechische Republik. Hopp Schwiiz!
Wir leben Fussball, wir leben
Euro, wir leben Schweiz! Rote Socken mit weissem Schweizer Kreuz in roten
Slippers mit weissem Schweizer Kreuz, roter Trainingsanzug über rotem
T-Shirt, alles mit weissem Kreuz...! Und wer beim roten Käppi mit Schweizer
Kreuz noch nicht genug hat: Fahnen, Schirme, Taschen, Rucksäcke kurz zur
Seite legen, Hände frei halten. Bodypainting ist angesagt – zwei Farben
genügen.
Auch wer sich weder für
Fussball noch für den Kommerzrummel rund um die Euro 08 begeistern kann:
Schön ist es schon, dieses «einig Volk von (roten) Brüdern und
Schwestern»!
Sind wir eigentlich stolz auf
die Schweiz, oder sind wir stolz auf unsere Nationalmannschaft? Wohl auf
beides, und es ist zu hoffen, dass wir es auch nach dem 29. Juni noch sein
werden. So oder so, unsere rot weisse Ausrüstung sollte nach der Euro nicht
gleich in die Kleidersammlung wandern: Spätestens am 1. August passt unser
Outfit doch wieder perfekt, wenn es heisst: «Trittst im Morgenrot daher…!»
erschienen am 22. April 2008
Der Baum bleibt da
Letztes
Jahr verbrachte ich den ersten Maitag an einem Ort, wo sie es noch
verstehen, urtümliche Feste zu feiern: In einem bayerischen Bauerndorf.
Männer in Lederhosen und Kniestrümpfen und Frauen in traditionellen
Trachtenröcken ziehen am Morgen des ersten Tages im Mai zum Dorfplatz. Dort
scharen sie sich stolz um ihren Maibaum. Der wurde am Vorabend aufgestellt.
Die ganze Nacht über versuchen dann Leute aus den Nachbardörfern, den
bewachten Maibaum zu entwenden. Wer deswegen die Polizei einschaltet,
verstösst gegen die örtlichen Sitten und riskiert seine Ehre. Legt ein
junger Mann oder eine alte Frau die Hand auf den Baum und sagt «der Baum
bleibt da», darf dieser von den Dieben nicht mehr angerührt werden. Wird
der Raub noch während des Abtransportes entdeckt, so muss der Baum
zurückgegeben werden. Erst wenn der Baum bereits hinter dem Ortsschild ist,
gilt er als geklaut. Er kann dann, zumeist gegen Speis und Trank, wieder
ausgelöst werden.
Dieses Jahr werde ich den 1. Mai in Moskau
erleben. «Tag des Frühlings und der Arbeit» heisst er dort. Statt Bier wird
es Wodka geben, statt Weisswürste Schaschlik, statt Knödel Piroggen, und
statt eines Bembels werde ich eine Matrjoschka zurückbringen. Auf weitere
Unterschiede bin ich gespannt.
erschienen am 29. April 2008
Verflixt und zugedreht
Mit
Schere, Messer, Dosenöffner, Schraubenzieher und Hammer traktierte
Behältnisse füllen mittlerweile nicht nur meine Besenkammer und meinen
Apothekerkasten, sondern auch meinen Kühlschrank. Überall stehen sie rum,
diese notdürftig mit Alufolie abgedichteten Flaschen, Tuben und Döschen. Sie
fragen sich, was die Folie soll, wo doch die meisten Artikel mit wieder
verschliessbaren Deckeln versehen sind? Nun, mein Problem beginnt früher,
beim Öffnen nämlich. Diese Sicherheitsverschlüsse überfordern mich. Deckel
von oben und von der Seite drücken und gleichzeitig drehen, das schaffe ich
nicht. Über die «Verpackungs-künstler» schimpfend, greife ich dann eben zu
Hilfsmitteln aus dem Werkzeugkasten.
Neulich allerdings musste ich
kapitulieren. Das Glas mit Tomatensauce war nicht aufzukriegen. Es landete
samt Inhalt im Abfalleimer. Wenn Chemikalien vor zu leichtem Öffnen
abgesichert werden, kann ich das ja noch verstehen, aber Tomatensauce? Wenn
es mir jeweils bloss nicht so peinlich wäre: Eine weitere «Waffe» gegen
diese Sicherheits-verschlüsse hätte ich schon – meine Nachbarskinder. Kinder
sind nämlich nicht so ungeschickt wie ich – und schon gar nicht so, wie die
Designer kindersicherer Verschlüsse sich dies offenbar vorstellen.
erschienen am 30. Mai 2008
Auf nach Sumatra!
Zu Arztterminen erscheine ich
stets überpünktlich. Denn ich liebe Arztbesuche. Zumindest solange, bis
ich ins Untersuchungszimmer gerufen werde.
Im Gegensatz zu vielen anderen
Patienten im Wartezimmer bin ich jeweils weder nervös noch angespannt.
Gespannt allerdings schon. Gespannt darauf, welche Hochglanzjournale ich
diesmal vorfinden werde. «Geo», «Merian» und «Animan» gehören zu meiner
absoluten Lieblingslektüre. Text und Bildbeiträge über Länder, Völker,
Natur und Tiere faszinieren mich. Bei ihrem Studium vergesse ich jeweils,
warum ich eigentlich dort bin, dass mich bald eine Spritzennadel pieksen
wird oder dass ich mich demnächst mit offenem Mund und ausgetrockneter Kehle
verkrampft am Zahnarztstuhl festklammern werde.
Aber selbst wenn ich dann auf dem
Schragen oder im Stuhl liege, träume ich weiter, von fernen Ländern und
anderen Kulturen. Da war doch dieser Beitrag über Poseidon, den griechischen
Gott des Meeres, und seine Amphitrie oder in einem andern Heft die Reportage
über die Orang Utans auf Sumatra… Kennen Sie Sumatra? Nein? Dann gehen sie unbedingt
hin! Nach Sumatra. Oder einfach zum Arzt. Nur schade, dass «Fernweh», so
schmerzhaft es sein kann, nicht von der Krankenkasse übernommen wird.
erschienen am 24. Juni 2008
Sind Sie
sicher?
Würde
unser Leben doch bloss wie ein Computer funktionieren. Wie viel einfacher
wäre es! So ohne Bill Gates, der uns im entscheidenden Moment fragt: «Sind
Sie sicher?» oder «Wollen Sie die Änderungen speichern?» sind wir doch ganz
auf uns selbst gestellt und müssen uns stets sehr genau überlegen, was wir
tun. Denn, es gibt kein «rückgängig», kein «abbrechen», kein «einfügen» und
kein «ersetzen». Gesagt ist gesagt, getan ist getan. Alles wird registriert,
gespeichert, unwiderruflich. Wir können zwar entschuldigen, vergeben und
vielleicht auch vergessen, aber nicht ungeschehen machen.
Bei Problemen steht uns keine
«Hilfe»- oder «Escape»-Taste zur Verfügung. Und läuft mal alles
drunter und drüber, wie praktisch wäre es dann, die Tastenkombination «CtrlAltDel»
drücken und neu starten zu können. Oder wenn wir die Zeit zurückdrehen
möchten: aktuelle Daten löschen, mit letzter Sicherungskopie
weiterarbeiten. Und schon ist alles, wie es einmal war; wir erhalten eine
neue Chance. Und kommt es gut, schnell «speichern».
Ob uns Menschen der liebe Gott
heute mit all diesen «Features» ausstatten würde? Wohl kaum. Er hat sich
sehr genau überlegt, was er tat, er brauchte weder einen Bill Gates noch
eine «Delete» Taste.
erschienen am 12. Juli 2008
Trübe Aussichten
Wenn
die Sonne so schräg ins Zimmer scheint, kommt die Wahrheit ans Licht: meine
Fensterscheiben wurden schon lange nicht mehr gereinigt. Von wem auch, wenn
nicht von mir? Lese noch das Kapitel in meinem Buch zu Ende und dann mache
ich mich gleich an den Scheibenputz. Was wohl mit Robert und Silke wird? In
welchem Kapitel wird sich das entscheiden?
Fenster reinigen, wenn die Sonne
drauf scheint, das kommt nicht gut, gibt Streifen. Also kann ich ruhig noch
zwei, drei Kapitel lesen. Sandra liebt Wolf, aber eben auch Kai. Sie kann
sich nicht entscheiden. Wenn ich ihr raten könnte: Nimm den, der besser im
Fensterputzen ist! Habe ich überhaupt Reinigungsmittel da? Und Putztücher?
Die Leiter bräuchte ich auch, die steht aber im Keller, hinter Koffern und
Kartons. Wurde eben schon lange nicht mehr gebraucht.
Die Sonne scheint nicht mehr
direkt ins Zimmer und es ist schon ganz düster. Um diese Zeit? Es ist nicht
nur das schmutzige Fenster, das den Raum verdunkelt. Draussen ziehen
bedrohliche Gewitterwolken auf, bald wird es regnen.
Wie gut, dass ich mit dem Putz noch nicht begonnen habe! Aber morgen, morgen
putze ich die Fensterscheiben ganz sicher. Sicher? Wie ist der
Wetterbericht?
Sonne den ganzen Tag, Gewitter gegen Abend. Petrus sei Dank!
erschienen am 29. Juli 2008
Filmreifer Morgen
An
gewissen Tagen erwacht man wie im Film, im falschen natürlich. Dabei hat man
doch eben noch so schöne Träume gehabt. Wo ist mein «Traummann» geblieben,
der mir das Frühstück und die Zeitung ans Bett bringt? Frühstück: keine
Milch, keine Eier. Ofen einschalten, Brötchen rein, schnell unter die
Dusche. Ich könnte ja stundenlang . . . was riecht denn hier so arg?
Brötchen pechschwarz, Wohnung voller Rauch. Kaffee muss aber sein. Blick auf
die Uhr: Zeit, ins Büro zu gehen. Kaffee kann ich dort noch trinken. Kann
ich üblicherweise auch, aber nicht heute. Mit «wo bleibst du, die Sitzung
beginnt doch gleich», werde ich empfangen. Uff, hab ich völlig vergessen,
bin überhaupt nicht vorbereitet.
Schnell die Unterlagen zusammengrabschen und ab ans Meeting.
«Nachdem wir alle Kaffee und Gebäck geniessen konnten. . .». Was für ein
unpassender Einstieg! Das laue Wasser ersetzt mir den Kaffee nicht. Ich habe
nur einen Gedanken: Kaffeepause! «Ich meine, ich denke..., bla, bla...». Endlich: Pause. «Könnten Sie schnell ins Büro gehen, da war so ein
Anruf...». Also kein Kaffee für mich.
«Frisch gestärkt... bla, bla»,
geht die Sitzung weiter. Wäre ich bloss im Film, ich könnte jemanden
beauftragen, mir Kaffee zu bringen. Bin aber nicht im Film – oder eben im
falschen!
erschienen am 11. August 2008
Tierische Gedanken
Unlängst
im Zoo ist mir durch den Kopf gegangen, welch grosse Verantwortung so ein
Tierpfleger hat. Und letztlich auch, welch grosse Macht. Macht? Nun, es läge
doch in seiner Macht, all die unschuldig eingesperrten Tiere in Freiheit zu
entlassen. Einfach Käfige aufsperren, Tiere rauslaufen lassen. Ob sich das
ein Tierpfleger schon mal vorgestellt hat? An seinem letzten Arbeitstag vor
der Pensionierung vielleicht, so als Abschiedsgeschenk an «seine» Tiere?
Was wüssten Einheimische und
Touristen nicht alles zu erzählen! Von Elefanten und Löwen im Zoorestaurant,
von Giftschlangen und angriffigen Affen an der Tramstation, vom ersten Tiger
auf dem Glattuferweg. Mit Lautsprecherwagen würde die Polizei davor warnen,
die Häuser zu verlassen. Die ganze Welt spräche von der Wildnis Zürich.
Geschäftemacher böten Safaris im Jeep an. Aus Abu Dhabi und Rio kämen sie in
Sonderflügen nach Kloten. Wo sie die Villenbesitzer vom Zürichberg kreuzten,
die fluchtartig ins Feriendomizil nach St. Moritz oder Monaco entflögen. Das
alles nur, weil ein Zooangestellter ein paar Riegel nicht geschoben, ein
paar Schlüssel nicht gedreht hätte. Mag sein, dass Tierpfleger nicht mal im
Traum daran denken, solches zu tun. Dass meine Fantasie mächtig auf Touren
kam, zeigt aber, wie anregend alleweil ein Zoobesuch ist.
erschienen am 1. September 2008
Ungebetener Gast
Durchs
offene Fenster muss sie reingekommen sein. Ungefragt (sie weiss warum!) und
unbemerkt. Sitzt einfach da, wie selbstverständlich. Sie fühlt sich
offensichtlich wohl, ich mich aber nicht. Frech, wie sie mich so unschuldig
anschaut, mich mal an der Nase kitzelt, mal am Ohr. Meinen Abwehrbewegungen
weicht sie geschickt aus und ver-schwindet irgendwo. Fast schon habe ich sie
vergessen, da taucht sie wieder auf, streicht über meinen Arm, über meine
Wange und bewegt sich Richtung – nein, bitte nicht das Auge! Ich möchte sie
packen und rauswerfen, aber sie ist zu flink, sie entkommt mir.
Üblicherweise steht ja meine
Schlafzimmertüre auch nachts offen.
Nicht heute. Hierhin soll sie mir nicht auch noch folgen. Endlich habe ich
Ruhe. Kein Kitzeln an Arm, Nase und Ohr. Am nächsten Morgen: Sie ist noch
immer hier, umkreist mich, kitzelt mich mal hier, mal dort. Der Kampf
beginnt aufs Neue. Aber dann endlich bin ich schnell genug. Ich kann sie
packen. Ich könnte jetzt einfach zudrücken bis sie... Warum schaffe ich
es aber doch nicht? Sie tut mir Leid, trotz allem. Sie mit der einen Hand
fest umschliessend, öffne ich mit der andern das Fenster und schubse sie
raus. Weg ist sie!
Irgendwie vermisse ich sie nun
aber doch, die kleine, harmlose Fliege.
erschienen am 9. September 2008
Autobahn-Flirt
Flirts auf der Autobahn mögen
gefährlich sein, wenn man seine Autofahrerpflichten dabei vergisst. Aber sie
haben auch ihren Reiz. Mein «Kleidchen» ist mein Auto. Auto gut, alles gut.
Oder verspricht mein Auto mehr, als ich je halten könnte? Ist mein Auto das
Objekt der «Begierde», oder bin ich es? Mit meiner Blechkarosse nehme ich es
allemal auf. Die bringt bestimmt keinen Mann auf Hochtouren. Also bin ich
es!
Ich gebe Gas. Er ist viel
jünger, sieht blendend aus. Unsere Blicke treffen sich. Nach dem Überholen
fahre ich auf die rechte Spur, reduziere das Tempo. Bingo! Er überholt,
lächelt rüber und reiht sich wieder vor mir ein. Dann bin ich, dann wieder
er, dann wieder ich dran: überholen, überholen lassen, überholen, überholen
lassen – und immer schön rüberlächeln.
Der sieht wirklich gut aus!
Ich sollte dringend. Und einen Kaffee könnte ich auch brauchen. Aber soll
ich deshalb meinen «Verehrer» verlieren? Noch schlimmer wäre es, wenn er
glaubte, dass ich seinetwegen rausfahre, in der Hoffnung, dass er mich
anspricht.
Ich sollte aber wirklich
dringend...! Durchhalten, weiter geht es mit abwechslungsweisem Überholen
und Zulächeln. Was nun? Er blinkt, er verlässt die Autobahn. Kann er doch
nicht machen! Doch, kann er, soll er auch. Bye bye, mein Autobahnheld!
erschienen am 3. Oktober 2008
Feine Nuancen
Mit
«eine Kollegin von mir» werde ich zu Beginn des Abends einer mir unbekannten
Frau vorgestellt. Kollegin? Warum bezeichnet sie mich als Kollegin? Immerhin
hat sie mich gebeten, sie heute Abend an diesen Anlass «im Freundeskreis» zu
begleiten. Ich gehöre also nicht zu diesem Kreis. Habe mir das bisher nie
überlegt, jetzt aber gehe ich in Gedanken «meine Frauen» durch: Bekannte?
Kollegin? Freundin? Habe ich eine gute, enge oder gar beste Freundin? Die
Entscheidung fällt mir nicht leicht. Welches sind die Kriterien? Was macht
eine Bekannte zu einer guten Bekannten, zu einer Freundin, zu einer guten
und schliesslich zu einer besten Freundin?
Mit der unbekannten Frau komme ich schnell ins Gespräch. Wir haben eine angeregte
Unterhaltung, stellen viele Gemein-samkeiten fest. Wir verstehen uns. Aus
einer Unbekannten ist eine Bekannte geworden. Kollegin? Nein, das passt
nicht. Eine Kollegin hat etwas Unfreiwilliges. Arbeitskolleginnen sucht man
sich meist ja nicht aus. Freundin? Dazu kennen wir uns zu kurz.
Andererseits: Welche Rolle spielt der Zeitfaktor bei einer Freundschaft?
Machen wir Frauen es uns doch schwer untereinander! Bei Männern sind wir
lockerer oder wie ist das mit der Liebe auf den ersten Blick?
erschienen am 3. November 2008
Ohne Wenn und Aber
Wie
oft meinen wir, dass, wenn etwas vorüber oder geschafft sei, wir dann
endlich etwas Bestimmtes sein oder tun können. Das fängt schon in der
Kindheit an: «Wenn ich erst mal gross bin, dann…» Als Zugführer, Pilot,
Arzt, Schauspieler oder Model sehen sich Heranwachsende im «Dann».
Ob sie sich später daran
erinnern, wenn sie als Zugführer, Pilot, Arzt, Schauspieler, Model oder
etwas ganz anderes tätig sind? Und wie viele «Wenn» und «Dann» haben sie
dafür überwinden müssen? Im Berufsalltag eingespannt, geht es unvermittelt
weiter mit diesem «Wenn, dann…». «Im Moment bin ich zu eingespannt, aber
wenn…, dann…» – der richtige Zeitpunkt ist immer später.
Und wie schnell kommt der
Gedanke: «Wenn ich erst mal pensioniert bin, dann…». Vor lauter «Wenn»
schieben wir ein Leben lang so vieles vor uns her. Ist das «Dann» dann da,
haben wir vermutlich schon vergessen, was wir (jetzt) eigentlich wollten.
Gleich haben wir ein neues «Wenn, dann…» im Auge. Machen wir uns selber
etwas vor? Suchen wir ständig nach einer Ausrede, etwas nicht tun zu müssen?
Fällt uns kein neues «Wenn» mehr ein, so finden wir bestimmt ein passendes
«Aber». Was und wo wäre ich heute wohl ohne all dieses «Wenn» und «Aber»?
erschienen am 20. Dezember 2008
Heute ist Waschtag
Wie ich sie doch mag, all die Wasch- und sonstigen Maschinen, die uns den
Alltag erleichtern. Einfach Material einfüllen, Knopf drücken, fertig. Bis
meine Spülmaschine eines Tages vor dem Abwasch fertig war. Mitten im
Programm gab sie einfach den Geist auf, tat keinen Wank mehr. Ich und das
schmutzige Geschirr schauten verständnislos drein. Maschine ausschalten,
wieder einschalten, nichts hat was gebracht. Nach zwei-, dreimaligem
Handabwasch kam dann der angeforderte Monteur. Die Maschine hat er zügig
repariert.
«Wenn Sie schon da sind», sagte ich zum Monteur, «die Körbe in der
Spülmaschine sind ganz rostig – ob man mir neue Einsätze liefern kann?» Aber
gerne! Eifrig notiert der junge Mann meine Bestellung. Während ich meine
Unterschrift auf das Formular kritzle, frage ich ihn, warum denn diese
Dinger rosten würden. Das komme vom Wasser, erklärt er mir mit
Unschuldsmiene. Aha, darauf wäre ich nicht gekommen.
Die Frage, warum man kein rostfreies Material verwende, kann er nur mit
einem Schulterzucken beantworten. Schon klar: Ersatzteile wollen auch
verkauft sein. Die neuen Dinger sind inzwischen eingetroffen und haben
einige Waschgänge hinter sich. Noch haben sie keinen Rost angesetzt – und
dies trotz des Wassers.
erschienen am 5. Januar 2009
Geschenk mit Haken
Nach
jahrelanger Veloabstinenz habe ich es endlich geschafft, mein Velo wieder
fahrtüchtig zu machen. Praktisch, so ein Gefährt, das man am Bahnhof
problemlos abstellen kann.
Gedacht, getan. Mit dem Velo zum Bahnhof, Zug nach Zürich. Nachts wegen
Zugsverspätung gerade noch die letzte S-Bahn zurück erwischt. Ob der
Anschlussbus warten wird? Egal, ich habe ja mein Fahrrad am Bahnhof:
Kabelschloss entfernen, und ab geht's nach Hause. Dachte ich.
Aber
da hing noch eine Sperre an meinem Fahrrad, so eine, die mir selber zu teuer
gewesen wäre. Hätte ich den passenden Schlüssel mitgeliefert bekommen, wäre
das ein willkomme-nes Geschenk gewesen. Aber es war keiner zu finden. Wie
bringe ich das Ding nun auf? Natürlich war kein Fahrraddieb in der Nähe, der
mir sein Werkzeug hätte leihen können.
Ich
kam mir ziemlich bescheuert vor. Wer hängt eine so kostspielige Blockierung
an ein fremdes Velo? Werde ich aus der Ferne vom Übeltäter beobachtet? Wenn
nicht Schaden-freude, was hat er sonst davon? Rufe ich die Polizei? Die
werden mir nicht glauben, ich glaube es selber kaum. Ein Diebstahl wäre mir
in dem Moment fast lieber gewesen: Der Fall wäre klar, und ich hätte mich
einfach ärgern können. Aber so? Ärgern, wundern, schmunzeln?
erschienen am 23. Februar 2009
Schnellimbiss
Viel
Zeit habe ich nicht, bevor die Theatervorstellung beginnt. Aber ich bin
hungrig. Schnell her mit einer Bratwurst, einem Hotdog oder einem Sandwich.
Ich entscheide
mich für ein Sandwich. Ist rasch gegessen, und sollte die Zeit doch nicht
reichen, kann ich den Rest in die Tasche packen. Ich mag simple
Schinkensandwiches. «Ein Sandwich, bitte.» Die freundliche Bedienung:
«White, Wheat, Honey Oat, Parmesan Oregano oder Vollkorn?» Ich bin einen
Moment verwirrt und sage dann: «Egal!»
«Egal gibt es
nicht, also – was möchten Sie?», bekomme ich zur Antwort. «Dann eben
Vollkorn», sage ich, da ich mich nur noch an diese Sorte erinnere. Die
Verkäuferin fragt: «Und welches Sub?»
Was zum Teufel
ist ein Sub? «Was haben Sie denn?», frage ich. «Italian, Tuna, Subway Melt,
Chicken Teriyaki...» – «Tuna, bitte!» Thon mag ich ja auch. Ist zwar
weniger praktisch, und der meiner Tasche entsteigende Duft wird mir später
peinlich sein. – «Und welchen Belag hätten Sie gern?» Belag? «Ist da nicht
schon genug drauf?» Wieder meine Verlegenheitsfrage: «Was haben Sie?» –
«Käse, Salat, Tomaten, Paprika, Zwiebeln, Gurken, Essiggurken, Oliven,
Peperoni...» – «Gurken! Und, bitte, können Sie das Sandwich für mich
aufheben – ich muss jetzt nämlich...»
erschienen am 23. März 2009
Kennen
wir uns?
Wie es mir denn
so gehe, fragte mich Michael kürzlich per SMS. Ich kenne ihn seit meiner
Jugend. Heute sehen wir uns allerdings nur noch an den Klassentreffen. An
der letzten Zusammenkunft haben wir uns lange und angeregt unterhalten.
Seither tauschen wir gelegentlich Mails aus.
Nun meldet er
sich also auch noch per SMS. Natürlich simsle ich Michael zurück – dann er
mir und ich wieder ihm. So geht das eine ganze Weile hin und her. Bis er
mich eines Tages fragt, ob wir uns denn kennen würden, er erinnere sich
nicht an mich.
Das ist also gar
nicht «mein» Michael! Ob er denn nicht der Michael sowieso sei. Nein, er
habe einen anderen Nachnamen. Nun, einen solchen Michael kenne ich
tatsächlich nicht. Michael sieht das locker und schlägt ein Treffen vor. Ich
überlege und finde tausend Gründe, ihn nicht kennenlernen zu wollen. Ein
einziges Argument spricht dafür: Warum eigentlich nicht, was habe ich zu
verlieren?
Schliesslich
verabreden wir uns am Flughafen. Sein Flug gehe erst in drei Stunden, wir
hätten also Zeit. Singapur? Wie lange denn? Für immer. Und ich merke, wie
ich soeben etwas verliere, das ich gar nicht richtig gewinnen konnte. Ein
Wiedersehen ist jedoch bereits eingeplant, und er wird mich vom Flughafen
abholen – in Singapur.
erschienen am 20. April 2009
Stopp, Polizei!
Für
Forschungsprojekte habe ich schon mehrmals Fussgänger befragt. Warum ich es
immer wieder tue, frage ich mich allerdings. Denn mit «Ich bin in Eile»,
«Mein Zug fährt gleich» und Ähnlichem wendet sich jeweils ein Grossteil der
Angesprochenen kurzerhand ab. Verständnis zeigend, bleibt man dann mit
seinen unbeantworteten Fragen stehen, schaut sich weiter um und geht
freundlich lächelnd auf das nächste «Opfer» zu. Das «Entschuldigung, darf
ich . . .» verfolgt mich dann meist noch die ganze darauffolgende Nacht.
Neulich ging
es um die Befragung von Velofahrern. Da einem Velofahrer noch schneller
entgleiten können und es wenig ratsam ist, sich ihnen in den Weg zu stellen,
wurde die Aktion von örtlichen Polizeibeamten unterstützt. Und siehe da:
Selbst die Eiligsten hatten plötzlich Zeit. Erleichtert darüber, dass sie
nicht als Verkehrssünder aufgehalten worden waren, beant-worteten sie
bereitwilligst meinen Fragenkatalog. Nach einem abschliessenden «Vielen Dank
und gute Fahrt» wurde mir von meinem uniformierten Helfer schon der nächste
Interview-partner zugewiesen. Mit einer solchen Ausbeute konnte ich noch nie
nach Hause zurückkehren. Ob ich es bei der nächsten Umfrage mit meiner
Uniform des Musikvereins versuchen sollte?
erschienen am 22. Mai 2009
Ursache und Wirkung
Gewissenhaft befolge ich den Hinweis: «Lesen Sie diese
Packungsbeilage sorgfältig, bevor Sie das Arzneimittel einnehmen».
Der Abschnitt über die Wirkungen ist schnell gelesen. Dann zu den
Nebenwirkungen. Häufig komme es zu Depressionen, Kopfschmerzen,
Bauchschmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit und Gelenkschmerzen.
Ich lege
ein Schmerzmittel bereit und lese bei den gelegentlich auftretenden
Nebenwirkungen weiter: «abnormales Sehen, Bronchialverengung,
Blutgerinnsel, Verdauungsstörung, Aus-schlag».
Mir wird
schlecht. Weiter warnt der Beipackzettel vor Schlafstörungen,
Haarausfall, Tumoren und Schlaganfällen – dies alles trete jedoch
nur selten auf. Und noch seltener: Atemlähmung, Verwirrtheit,
Abnahme des Erinnerungs-vermögens und der geistigen
Leistungsfähigkeit.
Und wer
noch nicht genug hat: «Die Nebenwirkungen können stärker sein oder
häufiger auftreten, wenn das Präparat über längere Zeit eingenommen
wird.»
Schliesslich soll man auch noch als Testperson dienen: «Wenn Sie
Nebenwirkungen bemerken, die hier nicht beschrieben sind, dann...»
Da hätte ich allerdings etwas beizutragen: «Erin-nerungsverlust, was
mir eigentlich fehlt, und Abneigung gegen die Einnahme dieses
Medikaments!»
erschienen am 20. Juni 2009
Schöner dank Regen
Mit
einem Lunchpaket ausgerüstet schickt uns der Seminarleiter an diesem
Morgen auf die Reise. Allein losmarschieren, keine Verkehrsmittel
benützen, alles ganz bewusst wahrnehmen heisst die Aufgabe.
«Geniesst die wärmende Sonne.» Mich fröstelt. «Spürt den Boden unter
den Füssen.» Der Weg gleicht einem Bachbett, ich spüre die Nässe.
«Riecht den Duft der freien Natur.» Kaffeegeruch wäre mir lieber.
«Richtet den Blick auch mal nach oben.» Regen prasselt in mein
Gesicht. «Sprecht mit niemandem.» Ich erwidere den Gruss eines
Fremden. «Setzt euch hin, denkt an nichts Besonderes.» Ich stapfe
voran und hoffe auf einen Unterstand. «Bringt ein kleines Symbol
mit, das ihr am Wegrand findet.» Da, ein orangefarbener glänzender
Stein. Schnell heb ich ihn auf – eine sinnbildliche Erklärung dazu
wird mir bestimmt noch einfallen.
Am Abend
sitzen wir dann zum Erfahrungsaustausch zusammen, ausgerüstet mit
Wurzelteilchen, Ästchen, Blümchen und Ähnlichem. Mit meinem
farblosen und matten Kiesel komme ich mir zunächst etwas hilflos
vor. Etwas Spucke bringt dem Stein aber seine volle Pracht zurück.
Und, als hätte ich es so eingeplant, ich habe ein symbolisches
Beispiel dafür, wie schön die Natur im Regen doch sein kann!
erschienen am 16. Juli 2009
Ohne Hoffnung?
Wie oft
lesen oder hören wir Sätze wie «Es besteht kaum mehr
Hoffnung», zum Beispiel, dass jemand noch (lebendig)
gefunden wird. Ist hier «Hoffnung» die richtige Wortwahl?
Wenn kaum oder keine Hoffnung mehr besteht, warum suchen wir
dann weiter? Wie sehr mögen Angehörige und Freunde hoffen,
dass der oder die Vermisste doch noch gefunden wird, und
zwar lebend. Wann ist unsere Hoffnung grösser als in einem
solchen Fall? Die Wahrscheinlichkeit mag abnehmen – aber die
Hoffnung?
Waren Sie schon mal «hoffnungslos verliebt»? Sie waren zwar
verliebt, hofften aber nicht, dass der oder die Angebetete
auch in Sie verliebt sei? Sie hofften auch nicht, dass sie
beide zusammenkommen und zusammenbleiben würden? Sie hofften
nicht, dass sie beide glücklich würden? Wie viel Hoffnung
steckt doch gerade in der Liebe. Eine Liebe mag ohne reelle
Chance erscheinen, aber begraben wir deshalb unsere
Hoffnung?
Solange
wir nicht die Gewissheit haben, positiv oder negativ,
klammern wir uns doch förmlich an unsere Hoffnung. Nicht
umsonst heisst es: «Die Hoffnung stirbt zuletzt.» Verbannen
wir also das Wort «hoffnungslos» aus unserem Vokabular! Bin
ich nun ein hoffnungsloser Fall? Nein, ich bin voller
Hoffnung auf eine Welt ohne Hoffnungslosigkeit!
erschienen am 17. September 2009
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